Kruzifix nua moi, Vergänglichkeit und Gelber Herbst (2)

Zuerst ein Nachtrag zum gelben Herbst, der große Baum in unserem Innenhof, der im Sommer oft unsere Kinder auf ihrer Suche nach Ameisen, Käfern und Spinnen um ihn herum erleben durfte – click to enlarge:

gelber_herbst (6)

Mittlerweile hat der November Einzug gehalten, die gelben Bäume in meiner Umgebung werden (wie die Sonnenstrahlen) weniger.

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Vergänglichkeit: ein Thema, das jeden Herbst, jeden November wiederkehrt. Am Allerseelentag eine mir nahegehende Predigt gehört. Totkranke wissen, worauf es im Leben ankommt. Den Augenblick genießen. Wo, wann genieße ich den Augenblick wirklich? Schon, aber es gibt einiges, das ich loslassen würde, wenn man mir sagte, ich müsste in ein paar Wochen sterben.

Im November 2007 hielt ich sog. Novembermeditationen in der Pfarre Linz-Hlgst. Dreifaltigkeit. Die Jahreszeit, der November, als spiritueller Impuls, der direkt von der Natur kommt und mein Leben bereichern kann. – Ich werde die Kerninhalte der vier Meditationen in den nächsten Wochen hier posten. Abschied, Loslassen, …, Vergänglichkeit ist ihr Thema.

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Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR, dt. EuGh), dass Kruzifixe aus den Klassenzimmern Italiens verbannt gehören, weil ein Kreuz in Schulen gegen die Religionsfreiheit verstoße, hat zu einiger Aufregung und zu hitzigen Diskussionen geführt. Dass über christliche Symbole eifrig diskutiert wird, ist kein schlechtes Zeichen, habe ich doch den Eindruck, dass es Zeiten gab, in denen wir nicht über Religion sprachen im öffentlichen Diskurs.

Zwei Positionen prallen aufeinander, meist hört man ein entschiedenes Pro oder aber ein Contra. Ich für meinen Teil sammle Argumente für beide Seiten, eine Meinung kann sich jede(r) selber bilden (obwohl es scheinbar klar sein sollte, dass ich als Pastoralassistent die Pro-Kruzifix-in-den-Klassenzimmern-Haltung vertreten müsste):

Was spricht gegen Kruzifixe in den Schulen?

* Religionsfreiheit. Andersgläubige werden täglich unausweichlich mit Symbolen konfrontiert, die den Glauben einer bestimmten Gruppe wiederspiegeln. In einem Staat mit Religionsfreiheit könnte jede Religionsgemeinschaft ihr religiöses Symbol aufhängen; oder keine Gemeinschaft (aus Platzgründen J bzw. aus Respekt vor den Nichtglaubenden). – Die (gefährdete) Religionsfreiheit war auch die Begründung für das Urteil.

* Angst vor dem Kreuz. Kinder würden durch die Kruzifixe, durch das regelmäßige Schauen auf den geschundenen Corpus eingeschüchtert. Warum muss man sich in einer Zeit, in der in unseren Breiten die Todesstrafe verboten ist, einem Gefolterten und Gekreuzigten aussetzen?

 Was spricht für Kruzifixe?

* Religionsfreiheit. Warum sollte eine Religionsgemeinschaft, die (zumindest dem Papier nach) die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung stellt, auf ihre religiösen Symbole in der Öffentlichkeit verzichten? (Religion ist ja nicht zuerst Privatsache, sondern eine gesellschaftlich-gemeinschaftliche Sache.)

* Umgang mit Symbolen. Symbole sind weit präsenter und haben eine weit stärkere Wirkung als uns oft bewusst ist. Symbole sind Lerngegenstände, Symbolerfahrung ist Lebenserfahrung. Symbole sind selbst verdichtete Erfahrung mit Wiedererkennungswert. Es schadet SchülerInnen nicht, wenn sei es auch im Klassenzimmer mit Symbolen zu tun haben.

* Herausforderung. Das Kreuz ist ein Symbol, das herausfordert, Fragen stellt, nämlich Fragen, die unmittelbar das Leben betreffen. „Es ist ein Kreuz“, ist eine Aussage, die wir täglich hören können. Unser Leben, unsere Entscheidungen, Wünsche, … werden durchkreuzt, wir leiden in unserer Welt. (Zumindest diejenigen leiden [zumindest hin und wieder], die sich dem Leben aussetzen und nicht auf einer Reich-und-schön-und-oberflächlich-Welle dahinschwimmen.) Das Kreuz weist darauf hin, stellt das Leiden noch einmal anders, symbolisch dar, ist Warnhinweis vor Überheblichkeit bei einem sorgenfreien Leben und ist Hoffnungszeichen für viele, die in ihrer Krankheit aus dem Glauben Kraft schöpfen.

„Im Europa des 21 Jahrhunderts gibt es nur noch die Kürbisse des Halloween-Festes, die wirklich wertvollen Symbole werden weggeschnitten.“ Das sagte an diesem Mittwoch Kardinalstaatssekretär Bertone am Rande eines Besuchs eines römischen Krankenhauses zum Kruzifix-Urteil.

(http://www.katholisch.at/content/site/home/article/44070.html?SWS=57eac397fbfdc46e634cb50da85d62bd)

Der Kürbis ist kein Symbol, das herausfordert.

* Keine Angst vor dem Kreuz. Das Kreuz ist als (verweltlichtes) Symbol schon so präsent, dass wir niemand sagen kann, es mache Angst. Wie viele haben schon ein Glitzerkreuz umgehängt! – hat jemand davor Angst?

* Kulturgut. In Österreich sind Kreuze wie Kirchen nicht wegzudenken aus dem Landschaftsbild. Bitte nicht entfernen, wir haben uns schon so daran gewohnt! (Vielleicht merkt jemand am ironischen Unterton, dass ich dieses „Argument“ nicht gelten lasse. Die „Kulturchristen“ haben meist nur vor dem Islam Angst und stehen sich’s deshalb so auf traditionelle Symbole.)

* Konkordat. In Österreich ist meines Wissens die Sache durch das Konkordat geregelt. (Allerdings weiß ich nicht, inwieweit der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte trotzdem derartige Gesetze beschneiden könnte. – Auch das ist kein wirklich überzeugendes Argument, aber doch auf der pro-Seite zu vermerken.)

 Conclusio: Es kommt auf die Herangehensweise an, ob jemand pro oder contra Kruzifixe (in Schulklassen) ist. Ein Atheist wird meist sowieso dagegen sein, ein Bischof dafür. Subtiler: Geht jemand mit einem Vorverständnis der absoluten Religionsfreiheit und der strikten Trennung von Kirche und Staat an die Sache heran, wird das Urteil contra Kruzifixe ausfallen, geht aber jemand z.B. mit einem didaktischen Interesse an die Sache heran, könnte das Argument des Lernens am Symbol den Ausschlag für ein Dafürsein für das Aufhängen der Kruzifixe in Klassenräumen geben.

 Ich persönlich denke, das Kreuz hat einen mehr-Wert.

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3 Antworten zu “Kruzifix nua moi, Vergänglichkeit und Gelber Herbst (2)

  1. Ein wunderschönes Gelb 🙂
    Und dass du dich so mit dem Pro und Contra hinsichtlich Kruzifixen auseinandersetzt, gefällt mir. Meist hört man von Menschen, die ihren christlichen Glauben sehr aktiv leben, nur ein sehr starkes Pro, eine andere Meinung wird selten zugelassen.
    Deine Argumente haben alle etwas für sich, nur das mit der Angst, das kann ich so gar nicht nachvollziehen. Gibt es tatsächlich Menschen, die so argumentieren? Darauf wär ich nie gekommen. Ich lebe in Bayern, da ist das Kreuz seit frühester Kindheit so präsent, dass sicher keiner auf die Idee käme, davor Angst zu haben. Und wenn DAS tatsächlich ein Argument wäre, dann sollte man doch als erstes Nachrichten, viele Filme, Computerspiele, Bücher, Bilder etc. verbieten… Ich kann da nur den Kopf schütteln…
    LG Sunny

    • Ich war zu wenig deutlich bei den Begriffen: Ich hätte unterscheiden müssen zwischen „Kruzifix“ und „Kreuz“. Das „Kreuz“ besteht schlicht aus zwei Balken, das „Kruzifix“ hingegen stellt auch den Körper Jesu am Kreuz dar (s. http://de.wikipedia.org/wiki/Kruzifix ). Meist ist der Gekreuzigte dargestellt, selten auch der Auferstandene (in Mexiko habe ich in „meiner“ Kirche immer den Auferstandenen gesehen). Angst vor dem „Kreuz“ kann ich mir schwer vorstellen, dass Kinder Angst vor dem „Kruzifix“ haben können, habe ich aber schon öfters gehört. Es ist ja auch kein schöner Anblick! In unserer Zeit gibt’s aber Schrecklicheres, da muss ich dir zustimmen!
      Netter Link: http://www.psychotherapiepraxis.at/artikel/angst/angstformen.phtml – da ist die Angst vor dem Kruzifix/Kreuz als Staurophobie angeführt. (Wie nennt man die Angst vor [Krankheits-]Listen, die einem Angst machen?)

      • Du warst vielleicht in der Wortwahl nicht eindeutig, aber ich habe schon verstanden, was du gemeint hast. Auch ich bezog mich auf das Kruzifix.
        Ja, diese Listen habens in sich… 😉

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