Nacht

Für einen November ist es derzeit bei uns in Österreich sehr, sehr warm. Ich merke, wie die Sonne, die meist noch wärmt, gut tut, im Vergleich zum Nebel, den wir heuer auch schon hatten. Auch wenn’s also kein „typischer November“ ist, stelle ich weiterhin meine „Novembermeditationen“ vom Jahr 2007 hier vor, heute Teil 3:

Je weiter der Sommer und dann der Herbst fortschreitet, desto früher beginnt es, dunkel zu werden. Und dann ganz plötzlich mit der Zeitumstellung. Mit einem Mal merke ich Jahr für Jahr, dass es jetzt endgültig bald Winter wird, dass die dunkle Jahreszeit angebrochen ist. Die Nächte dauern immer länger.

Nacht – es wird finster …

Nacht – die Dunkelheit legt sich über die Landschaft und über die Lebewesen, zumindest dort, wo wir Menschen uns nicht mit künstlichem Licht dagegen auflehnen.

Nacht – nichts ist mehr sichtbar, alles ist hinter einer schwarzen Wand wie verschluckt vom Nichts.

Die Nacht – sie fordert uns auf, uns schlafen zu legen, zu vertrauen, dass die Dunkelheit nicht ewig dauert.

Die Nacht – sie fordert uns auf, darauf zu vertrauen, dass diejenigen, die es für ihre Umtriebe gern dunkel haben, nicht das letzte Wort behalten.

Die Nacht – sie ist auch Metapher für das Dunkle in uns selbst, die Abgründe, die sich in jedem und jeder einmal auftun, die Ausweglosigkeit, die langsam kommen aber auch ganz plötzlich über einen hereinbrechen kann.

***

Menschen (wie du und ich) stoßen in ihrem Leben immer wieder auf Schwierigkeiten, kleine wie größere und manchmal auch gewaltige Schwierigkeiten. … Oft sind es Situationen, mit denen wir nicht umgehen können. Sei es in der Partnerschaft, im Beruf, seien es Krankheit – oder Tod eines Freundes, einer Angehörigen …

Krisen, Lebenskrisen können entstehen. Ich traue mir fast zu sagen, jede und jeder hat zumindest einmal im Leben schon eine tiefe innere Krise erlebt oder erlebt sie gerade.

Wenn uns alles dunkel und sinnlos erscheint, befinden wir uns in einer „Nacht“. Eine solche Nacht ist die größte Herausforderung, die uns das Leben stellen kann.

Oder wir erleben uns selbst als Nacht. Dunkle Seiten tauchen in uns auf, Eigenschaften, Umgangsweisen, die uns vielleicht noch unbekannt waren, dunkle, düstere Gedanken … Sie tauchen auf und machen uns Probleme … Wir erleben die Nacht in uns …

Habe ich schon einmal Krisen durchlebt, in denen alles dunkel wurde? Oder haben meine dunklen Seiten in meinem Innersten mir zu schaffen gemacht, mir Angst gemacht?

Wo ging ich schon einmal durch die Nacht? Was ist an Gefühlen da, wenn ich daran zurückdenke? Wie bin ich herausgekommen?

Gehe ich gerade durch eine Nacht? Sehe ich noch Licht?

***

Andererseits ist die Nacht, zumindest in der Mystik, auch ein kräftiges Symbol für Erfahrungen, die im Dunkeln ihren Ausgang nehmen, aber dann zu tieferen inneren Reifeprozessen führen, oder zu einer innigen Nähe Gottes.

Einer von denen, die sich intensiv mit der Erfahrung der Nacht auseinandergesetzt haben, war Johannes vom Kreuz. „Die dunkle Nacht“, wie er es nennt, „bezeichnet jene schmerzlichen Lebensphasen, in denen der Mensch scheinbar Gott nicht mehr „erfährt“. Gerade in solchen Zeiten kann er lernen, herzugeben und loszulassen, was sich in seiner „Frömmigkeit“ und in seinem Denken und Empfinden Gott und der Welt gegenüber als zu eng und zu unzulänglich erweist, …“1.

Die „dunkle Nacht“ ist für ihn Zeichen der tiefsten Zuwendung Gottes zu uns, ein Zeichen dafür, dass Gott uns zu größerer innerer Reife führen will, und gleichzeitig Herausforderung an uns selbst, mit der inneren Leere, der Trockenheit in uns, die die Nacht mit sich bringt, und mit der scheinbaren Gottferne umgehen zu lernen.

1 Johannes vom Kreuz. Die dunkle Nacht. Vollständige Neuübersetzung, hg.v. U. Dobhan OCD u.a. (Herder Spektrum 4374), Freiburg 1995, 15 (in der „Einführung“).

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