Das Ende der Welt

Zu Notizen, deren Niederschrift ich mir schon lange vorgenommen habe, genaugenommen seit November, komme ich jetzt endlich … Allerdings hat das Thema im gegenwärtigen Geschehen nichts an Aktualität verloren, und auch theologisch ist die Endzeitfrage eine stets aktuelle Frage.

In einer Bibelrunde im November besprachen wir den Evangelientext vom kommenden Sonntag (33. So im JK / LJ B), Mk 13,24-32. (Der Text ist hier nachzulesen; ein bisschen zum Scrollen.) Es ist ein endzeitlicher Text, ein Ausblick auf das Ende, das für viele schrecklich sein wird. Der Text sagt etwas über das Ende aus, aber wie bei jedem älteren Text kommt es nicht auf ein wortwörtliches, fundamentalistisches Verständnis, sondern auf die richtige (oder zumind. auf eine mögliche, nicht falsche) Interpretation an.

In dieser Bibelrunde waren wir uns über drei Dinge einig:

1) Jesus hat sich eventuell geirrt, falls er wirklich das Ende (und ein Eingreifen Gottes in die Geschichte) noch in seinem Jahrhundert erwartete. Er war eben „ganz Mensch“.

2) Es gibt nicht nur ein kollektives, generelles Ende der Welt, das Ende kann persönlich und individuell eintreten, ein Zustand, in den man/frau geraten ist bzw. sich selbst reinmanövriert hat, kann subjektiv als Ende empfunden werden.

3) Der Vergleich mit dem Feigenbaum will uns sensibel dafür machen, auf die „Zeichen der Zeit“ zu achten.
Nachsatz: „Zeichen der Zeit“ ist eine der Mode-Phrasen der Kirche und der Theologie im Speziellen. Dass Zeichen/Charakteristika der Zeit/Gegenwart von der Kirche erkannt werden, heißt aber noch lange nicht, dass in der Kirche etwas geschieht. Sehen (Erkennen) – Urteilen – Handeln, in diesem bekannten 3-Schritt bleibt die Kirche zumeist spätestens beim Urteilen stehen.

An dieser (Mk 13) und an anderen Stellen der Bibel (z.B. in der Offenbarung des Johannes) wird das Ende der Welt mit Naturkatastrophen in Verbindung gebracht. Man erwartete zur Zeit Jesu ein pompöses Ende. Auch heute noch faszinieren Endzeitinhalte, v.a. Filme schöpfen aus der (Natur-)Katastrophenfundgrube.

Eine moderne Endzeitvorstellung ist das Ende durch einen Kometen. (Wahrscheinlich seit dem Dino-Boom in den 90er-Jahren, der die Forschungsergebnisse und -spekulationen rund um einen Kometeneinschlag als Ende der Dino-Ära in die breite Öffentlichkeit brachte. Oder auch, weil Kometen entdeckt wurden, die nur knapp an der Erde vorbeisausen werden.) Einige Hollywoodfilme möchten uns dieses Thema nahebringen und ein Happy End dank eines US-amerikanischen Superhelden, der den Kometen in der letztmöglichen Sekunde zum Sprengen bringt, weismachen.

Hin und wieder bedeuten Aliens (beinahe) das Ende der Welt.

Im letzten Jahr brachte der Film „2012“ das Endzeitthema erneut auf’s Tablett; in einer anderen Version. Im Jahr 2012 [nach Christus – Jesus Christus ist der wirkliche Richtpunkt der Zeit, in unserem Glauben] endet die Zeitrechnung im Maya-Kalender. 2012 solle es auf Grund einer äußerst seltsamen astronomischen Konstellation riesige Naturkatastrophen geben, die das Ende der Welt bedeuteten.

Früher wünschte man, Gott werde pompös eingreifen, mit der Gewalt der Natur; heute hat man Angst vor der Gewalt der Natur und des Kosmos, die selbstregelnd agieren – die Erde selbst und der gesamte Kosmos werden als spirituelle Größen gesehen.
Diese Ansicht, die Erde wehre sich jetzt gegen die menschliche Ausbeutung, findet derzeit – nach meiner Wahrnehmung – rasante Verbreitung. Man führt die wachsende Anzahl und die zunehmende Stärke der Naturkatastrophen der letzten Jahre ins Treffen, um diese Weltanschauung scheinbar rational zu begründen.

Tatsache ist: Jahreszahlen sind bloß menschliches Konstrukt, wie die Zeit selbst. Und: Endzeitdatumsangaben haben sich stets als falsch (und gefährlich) erwiesen (siehe diverse Sekten).
Da tut das Wort Jesu richtig gut: „Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.“ (Mk 13,32)

Also: Auch wenn Naturkatastrophen zunehmen sollten und für tausende Menschen das Ende (ihres Lebens) und auch für die Zurückgebliebenen ein subjektives Ende-Empfinden mit sich bringen werden: Das Ende der Welt ist nicht für 2012 und auch nicht als gigantische Ansammlung von Naturkatastrophen zu erwarten.

Wir in Europa sind derzeit von einer ganz anderen Endzeitaussicht betroffen (in doppeltem Sinne: es betrifft uns; und wir sind erschrocken/bestürzt). Wir haben den Atem angehalten und standen (und stehen noch) am Abgrund. Die wwWuFK (weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise), die uns seit 1 ½ Jahren beschäftigt, hat mit der (beinahe-)Staatspleite Griechenlands bedrohliche Formen für uns in der EU angenommen. Und noch ist die Situation nicht restlos bereinigt, sie spitzt sich eher noch zu, wenn man sieht, wie andere Länder auch ums finanzielle Überleben kämpfen. Es gibt Propheten, die schon vor vielen Monaten das alles auf uns zukommen sahen, die prophezeiten, unser System breche bald zusammen. Und wenn es noch immer nicht so weit ist, und vielleicht „nie“ (in den nächsten Jahren) der Fall sein wird, was sich viele wünschen, so besitzt das Eintreffen dieses Zukunftsszenarios eine nicht vernachlässigbare Wahrscheinlichkeit.

Wenn es so werden sollte – dann kann niemand sagen, was auf uns zukommt. Es könnte das (vorübergehende) Ende der Menschlichkeit bedeuten. (Wir brauchen nur nach Haiti zu schauen: Ein Beben, das das System kurzfristig lahmlegte, … und es zählt nur mehr das nackte Überleben …)

„Wolfzeit“ („Le Temps du Loup“, 2003) von Michael Haneke, ein Film, der mich wie kaum einer berührt hat, vermittelt diese Brisanz einer Alltagsapokalypse in erschreckend nüchternen Bildern. Wenn das gewohnte Leben plötzlich wegbricht, entstehen rasch neue, archaische Strukturen des Zusammen„lebens“, und menschliche Verhaltensweisen entbehren schnell jeglicher Zivilisiertheit.
Ein Film wie eine Vorwarnung.

Meine conclusio: Das Ende ist nichts Eindimensionales. Das Ende ist nichts zeitlich Festsetzbares. Das Ende kann ein kollektives sein, anders formuliert: jenseits von (= zusätzlich zu) der Notwendigkeit, sich mit seinem eigenen Ende (Tod; und dem, was evtl. danach kommt) auseinanderzusetzen, besteht m.E. die dringende Notwendigkeit, sich mit der Möglichkeit eines kollektiven Endes der Welt (in ihrer jetzigen Form) auseinanderzusetzen und sich darauf vorzubereiten.
Diese Vorbereitung beinhaltet (für mich) natürlich auch die Haltung der Hoffnung, dass es nie so weit kommen möge. Hoffnung ist generell ein christliches Motiv; ein hoffender Mensch ist auch ein Mensch, der keine Angst hat – Jesus hat wie kein zweiter häufig gesagt: „Fürchte dich nicht!“ – bzw. mit seinen Ängsten gut umgehen kann. Hoffnung, die Angst in Spannung umwandelt, welche wiederum in produktivem Einsatz für eine lebenswertere Umgebung/Welt ausgelebt (und dadurch ausgehalten) wird, wäre ein erster und sehr guter Ansatz und Ausgangspunkt einer christlichen Existenz am Rande des Abgrunds.

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