Der Einfluss von Literatur auf mein Welt- und Österreichbild bzw. auf meine Lebens- und Glaubenseinstellungen (Teil 1)

Was ich als Privatperson nicht leiden kann, ist unreflektiertes Leben. Mit folgenden Ausführungen versuche ich v.a. für mich selbst, mir klar zu werden, wann und inwiefern Literatur Einfluss auf mein Leben gehabt hat. Nicht, weil ich glaube, dass meine Selbstreflexion lesenswert sei, veröffentliche ich sie, sondern, weil ich denke, dass fremde Lebensreflexionen immer Anstoß für eigene sein können …

Am Anfang stand Karl May, Winnetou I-III, und die Möglichkeit des Individuums, Held zu sein, bzw. die Möglichkeit eines kleinen Jungen, sich mit einem Helden zu identifizieren.

Zwischen 10 und 20 fiel mir Umberto Eco, Das Foucaultsche Pendel in die Hände. Eine ziemlich anstrengende Lektüre für einen 15-Jährigen. Das Buch, von dem ich damals zugegebenermaßen nicht alles ganz verstand, begeisterte mich für Historisch-Fiktionales und Mystisches jeder Art. Es war wie ein Eintauchen des Intellekts in sich selbst, in die eigenen mysteriösen Gedankenwelten. Nebenbei wurde mir das Irrationale von Verschwörungstheorien und -systemen bewusst, bis heute hake ich solche Theorien schnell ab, wobei ich meine, dass meist ein Kern Wahrheit oder tatsächlicher Geschichte dahinter steckt bzw. stecken kann.

Angetan bin ich bis heute von Franz Kafka, Der Prozess. Kafka war mein erster Lieblingsschriftsteller. (Von ihm habe ich wirklich sehr viel gelesen, beinahe die gesammelten Werke.) Mich hat von Anfang an die Kühlheit und das Nicht-Greifbare des Beschriebenen fasziniert. Dem Inhalt entspricht die Sprache. Kafkas Prozess hat für mich die klarste deutsche Sprache, kein Wort ist bei ihm zuviel, kein Satz(bau) unpassend – Klarheit in meiner verschriftlichten Sprache war mir seit der ersten Kafka-Lektüre immer wichtig.

Eine drastische Wende in meinem Bild von Österreich verursachte Franz Innerhofer, Schöne Tage. Das Buch hat sein Anliegen, mit der Vorstellung vom idyllischen Leben auf dem Land (auf einem Bauernhof, in der Nachkriegsgeneration) aufzuräumen, bei mir völlig erfüllt. Durch diese Schullektüre bin ich zutiefst skeptisch geworden , was Aussagen von den „guten alten Zeiten“ betrifft. Das Buch erzeugte in mir eine gewisse Dankbarkeit, nicht früher in gewissen österreichischen Konstellationen auf die Welt gekommen zu sein.

Jelinek, meine 2. Lieblingsschriftstellerin, räumte weiter auf. Elfriede Jelinek, Die Liebhaberinnen, eine weitere Schullektüre, konfrontierte mich mit der Situation der österreichischen Frau auf dem Land bzw. mit dem Umgang der Geschlechter generell. Ein schonungsloses Buch, das mir (wie weitere Bücher von Jelinek) die leicht & schnell erzeugte wunschlose Trostlosigkeit des Alltags in unseren Breiten vor Augen führte. Jelinek ist Innerhofer, nur aktualisiert, breitere Gesellschaftsschichten einbeziehend und noch schonungsloser. Wahrscheinlich hat sie keinen unbedeutenden Anteil daran, dass ich null Interesse an Blasmusik, Uniformen, Lederhosen, Goldhauben, Maibaumaufstellen etc. habe; dass ich durch und durch ein Stadtmensch wurde. Ist so.

Fortsetzung folgt.

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Eine Antwort zu “Der Einfluss von Literatur auf mein Welt- und Österreichbild bzw. auf meine Lebens- und Glaubenseinstellungen (Teil 1)

  1. hallo rainer!
    ich lese gern deine selbstreflexionen und du triffst es auf den punkt – ich kann davon lernen.
    innerhofers „schöne tage“ hab ich vor ca. 2 monaten gelesen und ich war
    voll des entsetzens und der wut. ja eigentlich auch traurig weil so viel passiert ist und keiner
    davon wusste – wissen will.
    auf dem land ist es schwer teilweise hab ich mich wieder gefunden da ich ja auch ziemlich in der
    „einschicht“ aufgewachsen bin und mit 18 jahren die flucht ergriffen habe.

    aber ich bin trotzdem ein landmensch mit blasmusik und traditionen.
    es ist schön in pfarrkirchen zu sein – das kann ich für mich sagen – nachdem ich mich von
    alten lasten befreit habe.
    ich freu mich auf deine nächste schreiberei.

    lg
    irmi

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