Der Einfluss von Literatur … (Teil 2)

Den ersten Teil lesen Sie unten. Ungenauigkeiten philosophisch-inhaltlicher Art bitte übersehen.

Die Beschäftigung mit den Philosophen (im Rahmen des Theologiestudiums) erweiterte meinen Horizont; die Welt nicht als gegeben hinzunehmen, sondern sie zu hinterfragen, wurde mehr und mehr zu meinem eigenen Anliegen.

Das Staunen, Ausgangspunkt der Philosophie im antiken Griechenland, Ausgangspunkt der ersten Menschen, die sich rationale Fragen zum Kosmos, zur Erde und zu ihnen selbst gestellt haben, ist (bedeutender) Teil meiner Brille geworden, durch die ich die Welt betrachte.

Edmund Husserl und seine Phänomenologie (Motto: „Zu den Sachen selbst!“) beeinflussten mich insofern, als ich mir selber einen gewissen phänomenologischen Blick auf die Welt angewohnt habe, einen Blick auf die Dinge („Phänomene“), so wie sie mir (er)scheinen, meinem Bewusstsein gegeben sind. Ein nüchterner, analysierender Blick, oft dort, wo andere unreflektiert Dinge oberflächlich-eindimensional sehen oder unhinterfragt Sachverhalte hinnehmen. (Mit Husserl hat das wahrscheinlich nicht mehr viel zu tun …)

Immanuel Kant hatte wohl entscheidenden Einfluss auf meine theologische Denkart. Dass alles menschliche Denken nicht „im leerem Raum“, sondern immer schon auf dem Hintergrund von (allen Menschen gleichen, also universalen) Denkkategorien passiert (wie Raum, Zeit, …), heißt nichts anderes, als dass alles menschliche Denken nie über sich hinausgehen kann, sondern immer menschliches Denken bleibt. Umgemünzt auf die Theologie: Rede von Gott ist immer menschliche Rede von Gott. Wir können uns nach Kant und v.a. im 21. Jahrhundert nicht naiv von Gott her definieren („Gott hat gesagt, also …“), auch nicht als Gläubige, sondern wir können die Gottesrede nur als Rede des Menschen von Gott durchführen. Gottesrede als Rede des Menschen von seinen Erfahrungen, die er mit dem gemacht hat, was er „Gott“ nennt. Ich habe meine Theologie (strikt) zu einer „Erfahrungstheologie“ weiterentwickelt. Ohne Kant wäre die Evolution meiner theologischen Gedanken sicher anders (unseriöser) verlaufen.

Die Bibel war und ist eines der Bücher, die mich am meisten geprägt haben. Die Bibel ist für viele uncool. Aber für mich kann kaum ein Buch derartig viel bieten wie diese Sammlung von Büchern, Einzelschriften, u.a.:

  • Eine überbordende Metaphorik und Symbolik, einerseits sehr bekannt, samt riesiger Wirkungsgeschichte (angefangen von Adam und Eva, der Schlange und dem Apfel, der übrigens gar nicht vorkommt in der Bibel, bis hin zu den apokalyptischen Visionen in der Offenbarung des Johannes; oder etwa die bilderreichen Gleichnisse Jesu vom Sämann usw.), andererseits wenig bekannt und auf Entdeckung wartend (wie es mir beim Schreiben der Diplomarbeit passieren durfte, wo ich unzählige Passagen zur pflanzlichen Metaphorik im AT für mich entdeckte);
  • eindrucksvolle Geschichten aus dem Leben zahlreicher (realer oder erfundener) Menschen, mit viel, viel Leidenschaft, Lebenskraft und nicht zuletzt unheimlich viel Sinn – Geschichten mit pädagogischem Charakter (um dieses Wort einmal positiv zu verwenden);
  • die Jesusgeschichte mit ihrer bis heute unübertroffenen Option für die Armen, am Rand der Gesellschaft stehenden Menschen, auch mit ihren grandiosen (schon erwähnten) Gleichnissen, auch mit Jesu Wertschätzung der Frauen.

Ein Buch, das einem (zumindest indirekt) die Berufswahl nahelegt, hat etwas …

Selten, aber doch, stößt man/frau auf kleine Büchlein, die (wie) eine Offenbarung sind. Eine Aufsatzsammlung von Rudolf Bultmann, Neues Testament und christliche Existenz, war (leider erst) gegen Ende des Studiums eine solche Offenbarung. Nirgends sonst hatte ich in einer dermaßen klaren Sprache theologische, v.a. neutestamentlich-hermeneutische Fragen (d.h. Fragen über das Wie der Auslegung neutestamentlicher Texte) abgehandelt vorgefunden. Bultmann, evangelischer Theologe (1884-1976), brachte auf den Punkt, was auch heute noch gilt (und woraus tragischerweise noch immer nicht umfangreich die Konsequenzen gezogen wurden):

Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für seine Person tun zu können, muß sich klar machen, daß er, wenn er das für die Haltung des christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart unverständlich und unmöglich macht.

– Rudolf Bultmann: Neues Testament und Mythologie, 1941, 18

Von Bultmann lernte ich, meine theologischen Gedanken in der modernen Welt des 21. Jahrhunderts mit ihr abzugleichen und religiöse Inhalte nach ihrem Wert für die Gegenwart abzuklopfen (und gegebenenfalls links liegen zu lassen).

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2 Antworten zu “Der Einfluss von Literatur … (Teil 2)

  1. Ich wünschte mehr Theologen würden sich der Theologie für die Menschen der Gegenwart widmen, so wie Du.
    Vermutlich wird das noch dauern, so wie man auch mit Philosophen Geduld haben muss, die immer noch dem Objektiven hinterherjagen anstatt dem Menschlichen.

    gruß monika

  2. Bin evangelische Vikarin und dein Text spricht mir aus dem Herzen. Auch die Gestaltung der Seite ist ansprechend. Werde zwecks Inspiration auf jeden Fall nochmal reinschauen…

    Segen,
    Annika

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