Stress und Friede

Stress … Pfarrerwechsel … Aufmerksamkeit … Andersorte … lebendige Pfarrgemeinde … Eucharistie und Verwandlung … Müdigkeit … Friede … und Stress

Stress ist nicht mein Lieblingswort. Es drückt eine innere Unzufriedenheit oder ein Überfordertsein mit dem Zustand des Viel-zu-tun-Habens aus. Trotzdem wird es häufig (auch von mir) statt „viel zu tun“ verwendet, auch hier, weil es prägnanter (schwangerer) ist als die Überschrift: „Viel zu tun und Friede“.
Ja, viel zu tun, das drückt meinen bisherigen Monat Oktober ganz gut aus (gilt generell für unsere Pfarre). 3.10. Erntedankfest, 8./9.10. Flohmarkt, 11.-14.10. Quinquennalkurs (da war ich in der Vorbereitungsgruppe dabei), 17.10. Jungschar- und MinistrantInnen-Startfest, 18.10. Amtseinführung unseres neuen Pfarradministrators Martin Schrems, 21.-24.10. 72 Stunden ohne Kompromiss + 7,2 Stunden Feiern ohne Kompromiss + 72 Minuten Zusammenräumen ohne Kompromiss.
Es war dicht, es war intensiv, es war aufbauend, es war anstrengend. Das Postulat/Die Selbstbezeichnung „lebendige Pfarrgemeinde“ kann auch Anstrengung bedeuten.
Vieles schwirrt noch in meinem Kopf herum. Manches teile ich, weil es m.E. teilenswert ist.

Aufmerksamkeit. Höchst interessant, dass in einer Zeit, in der die christliche Religion (v.a. als praktizierte) am Rückgang ist und mittelalterliche (Kirchen-)Strukturen von (Noch-)Kirchgängern kaum mehr akzeptiert werden, dass also in so einer Zeit bei einem Pfarrerwechsel die Welt immer noch am Kopf zu stehen scheint. Wir haben das Glück, dass sich für unsere Pfarre nach dem Wechsel des alten in eine andere Pfarre ein neuer Pfarrer gefunden hat. Ein junger noch dazu. Viele gibt’s ja nicht mehr. Und noch besser: ein junger, fescher, offener, herzlicher, einer, der nicht drüberfährt, sondern sich als Teamplayer beim täglichen Aufbau von Gemeinde sieht … Aufmerksamkeit. Gemeinde steht Kopf. Zumindest interessant in unserer Zeit. Bedenkenswert. (Ungleich bedenklich, aber nahe dran.) Die Ausnahmesituation, die wir seit März gehabt haben, darf jetzt vorbei sein. Gemeinde ist nicht nur und auch nicht hauptsächlich der Pfarrer. (Und trotzdem, muss ich zugeben: es braucht jemanden, der Gemeinde bündelt, sie repräsentiert.)

Andersorte („Heterotopien“). Hauptstichwort am Quinquennalkurs. Wir als Kirche brauchen „Orte“ (Räume, Zeiten, Situationen, Gelegenheiten, Zusammenhänge, …), die uns herausfordern, die uns aus unseren Sicherheiten herausholen. Orte, die wir entdecken sollten, damit wir auch in Zukunft noch Kirche „vor Ort“ sein können. „Orte“, die da sind, die wir aber noch nicht aufgegriffen haben. „Orte“, die wir vielleicht nicht sofort mit Kirche verbinden würden, mit Hauptaufgaben einer Pfarrgemeinde. In Auwiesen ist so ein „Andersort“ vermutlich der hohe Anteil an Anders- und „Nicht“gläubigen, mit denen wir uns auseinandersetzen könnten. Oder der schlechte Ruf des Stadtteils und speziell der Jugendlichen – für die 9- bis 14-Jährigen gibt’s seit 10 Jahren schon unser Kidszentrum. Ein Andersort, der positiv aufgegriffen wurde. Mir persönlich gefällt die Konzeption der Heterotopien für die Pastoral, wenn sie nicht verabsolutiert wird. Sondern als eine Möglichkeit, Zukunftswege zu sehen und Zukunft zu gestalten.

Müdigkeit. Dauerzustand. Mit 2 kleinen, lebendigen Kindern und einer lebendigen Pfarrgemeinde. Müdigkeit kann auch guttun. Wenn sie verwandelt wird.

Finde einen heiligen Ort
für deine Müdigkeit.
Suche eine Atmosphäre,
in der du wachsen kannst.
Entdecke, dass Zerbrechlichkeit Stärke ist
und Verletzbarkeit Nähe schafft.

… heißt es in einem meiner Lieblingstexte (von U. Schaffer) … Oder, wie ich es selbst vor kurzem formuliert habe:

Mit meiner Kraftlosigkeit,
müde bete ich zu dir.
Lass mich mich verwurzeln in dir,
Erdenmutter, Weltdurchströmer.
Auf dass ich kraftschöpfend aus dir wieder lebe …

Müdigkeit braucht Zeiten des Ausrastens. Ich mache das in dieser letzten Oktoberwoche, die mich nur 2 Tage in der Arbeit sieht …

Eucharistie kann verwandeln. Auch wenn ich denke, dass unsere Art und Weise, Eucharistie zu feiern, noch lange nicht dort ist, wo sie hin könnte, noch bei weitem nicht so symbolisch, für sich sprechend wirkt, wie es sein könnte, so fühle ich doch in unseren Eucharistiefeiern in Marcel Callo, dass ich berührt und gestärkt werde vom Geheimnis des Lebens, das wir „Gott“ nennen. Eucharistie als Ort der Verwandlung. Weil wir das verwandeln, was wir mitbringen. Wir feiern unseren Alltag, wir bringen das, was während der Woche geschehen ist, was von der Woche noch da ist, am Sonntag mit, um es mit der anderen Dimension in Verbindung zu bringen. Eucharistie ist für mich Sammlung, Verdichtung, In-Bezug-zu-Gott-Setzung des Lebens. Gefeiert wird das Leben, nicht ein magischer Ritus. Wenn dann an einem Fest wie der Amtseinführung plötzlich über 10 Priester und PastoralassistentInnen vorne mitfeiern, hat das für mich Symbolcharakter. Getragensein im Dekanat und von KollegInnen in der Pastoral, Mann und Frau gemeinsam am Altar, Priester und „Laien“ gemeinsam, Festcharakter. Gemeinde feiert speziell, drum darf auch vorne am Altar eine spezielle Situation sein.


Wenige Tage davor, in Puchberg: Wochentagsmesse am Quinquennalkurs. Mehrere Priester konzelebrieren. „Man kann es ihnen nicht verbieten“, sagt ein junger Priesterkollege. Eucharistie als heiliges Spiel, das priesterfixiert ist. Hat auch Symbolcharakter. Der Wunsch nach täglicher Eucharistiefeier, der aufgekommen ist, zeugt m.E. von einem ganz anderen Eucharistieverständnis: Nicht der Alltag wird (normalerweise einmal pro Woche) gebündelt gefeiert, sondern die heilige Messe selbst wird zelebriert = gefeiert. (Messe zum täglichen Anhalten in einer Zeit, in der Selbstverständlichkeiten wegschwimmen.)

Zwei Rückmeldungen, die ich im „stressigen“ Oktober nicht erwartet hatte, die mich umso mehr freuen: Ferdinand Kaineder schreibt in seinem Blogeintrag über unsere Amtseinführung nebenbei: „Ein positiv ausstrahlender Pastoralassistent neben ihm, Rainer Haudum.“ Eine zweite, in einem Gespräch erhaltene: Ich strahle Frieden aus. Der Pfarrer und ich, wir strahlten Frieden aus. Es gebe wenige solcher Menschen … Wow. Und das interessante daran: Ich habe mir einmal vorgenommen, in einer Welt, die Hektik und Aggressivität (bis hin zu Kriegen) nur zu gut kennt, ein friedlicher Mensch zu sein. (Jesus inspiriert.) Natürlich habe ich genauso meine schlechten Eigenschaften, Aggressionen, … Mich selbst zu fragen: „In welche Richtung will ich gehen? Wer will ich sein? Ein Mensch des Friedens oder der Aggression?“ hat mir noch nie geschadet.
Auch Menschen des Friedens (wie du und ich) brauchen einmal „an Friedn“ – und so beende ich meine Notizen über einen überaus spannenden, intensiven Monat Oktober mit einem sowohl – als auch: Nicht: Friede statt/überwindet „Stress“/Müdigkeit (das wäre unmenschlich) – sondern: „Stress“ und Friede.

Advertisements

6 Antworten zu “Stress und Friede

      • Das du das gleich in die Tat umsetzt 😉
        Ja, Facebook ist da, aber die Share-Funktion. Damit lässt sich automatisiert teilen. Der Like-Button funktioniert anders: Da wird im FB-Profil gepostet „XY mag den Betrag XY auf XY“. Aber das sind die technischen Details, der Content ist sowieso wichtiger.
        Und wunderbar ist eines meiner Lieblingswörter derzeit, verwende ich aber nur sehr gezielt!

  1. ma rainer – i les so gern deine gedanken, da merk ich erst wie wenig ich dich kennen
    gelernt habe und wie gut es tut solche menschen wie dich in der kirche zu wissen.
    DAnke für deine Anregungen und ERMutigungen – die entnehm ich
    deinen texten für mein LEBEN !

    lg
    irmi

    • danke irmi!
      ja, ich denk mir das auch öfters, dass wir uns in dem einen jahr kaum kennenlernten. liegt wohl auch daran, dass es mein 1. jahr und alles neu war für mich … außerdem verändere ich mich auch und bin „öffentlicher“ geworden …
      lg rainer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s