Ring und Kutte, Licht und Schatten

Vom Licht und von einer Heiligenfeier, von öffentlichen Ausrutschern und deren inhärenten Wahrheitsgehalten, Anmerkung zum Linzer Westring, sowie eine Argumentationssammlung zum Thema „liturgisches Gewand“ … Viel auf einmal, aber mein Kopf ist voll … Nebenbei gesagt: im Oktober wurde mein Blog ein Jahr alt – ein verspätetes Happy Birthday meinem 3. Kind …

Martinsfest. Mein Sohnemann schaut müde und ein wenig verklärt nach oben. Ich möchte nur zu gern wissen, was 4-Jährigen in solchen Momenten durch den Kopf geht … Er war sicher intensiver dabei als ich, mir selbst sind Kindergartenaktivitäten meist zu einseitig pädagogisch. Warum verstellen wir für Kinder unsere Stimmen? (Nur eine von vielen Fragen, die in mir auftauchten.) … Eine weitere Erfahrung des Martinsfestes: Ende. Raus in den Kircheneingangsbereich. Neonröhren gehen an. Aus relativer Kerzenschein-Dunkelheit ins elektrische Licht; den Augen (und der Seele) täte die (abendliche) Dunkelheit öfters ganz gut! (Auch daheim gefällt es den Kindern, im Kerzenlicht zu frühstücken z.B.)

Ich bleibe noch beim Licht: „Lichtblicke – Perspektiven für eine gerechte Gesellschaft“. Eine Veranstaltung von der Katholischen Aktion OÖ (gewesen am 5.11.). Ein gesellschaftspolitischer Gang durchs abendliche Linz. Ich konnte leider nicht dabei sein, aber es gibt eine beeindruckende Zusammenfassung hier (Statements, Fotos, Links). Ein Lichtblick in sonst oft so schattigen, dunklen (gesellschaftspolitischen) Stunden.

Apropos Schatten: Umnachtet scheinen Politiker in diesen Tagen, die einerseits Sozialbudgets drastisch runterfahren und Familien belasten, die andererseits aber (in finanziell schwierigen Zeiten!) vehement für sündteure, nicht nachhaltige Verkehrsprojekte wie den Linzer Westring auf die Barrikaden steigen. Völliger Realitätsverlust von Herrn LH Pühringer & Co. Bodenhaftung, soziales Gewissen, … – wo bleibt ihr? (Für mich auch ein öffentlicher Ausrutscher, und der Wahrheitsgehalt dahinter liegt wahrscheinlich in der Sturheit und Nichtwandelbarkeit der österreichischen Verkehrspolitik.) Unser diözesaner Umweltsprecher erklärt Westring-Argumente natürlich professioneller als ich, darum noch ein Link zum Nachlesen.

Österreichs öffentlicher Ausrutscher Nr. 1 in diesen Tagen: der türkische Botschafter in Wien, Kadri Ecved Tezcan, mit seinem berühmt-gewordenen Interview (wer hat es wirklich gelesen? aufzeigen!). Seine Aussagen waren vielleicht eines Botschafters unwürdig (unpassend). Aber mir gefällt Provokation. Und er hat recht (teilweise zumindest). Er hat recht, wenn er in Frage stellt, warum in einem Land Nacktbaden erlaubt ist, Kopftuchtragen dagegen nicht. (Ich würde ihm aber antworten: Zum Nacktbaden wird man nicht gezwungen, und so sollte es auch beim Kopftuchtragen sein. Wenn Frauen es freiwillig tragen, ja. Diese Kopftücher sind ja gar nicht so unästhetisch …) Er hat v.a. recht, wenn er Zweifel an der Richtung der Integrationspolitik unseres Landes hat. Hoffentlich wird jetzt endlich breit über Integration diskutiert, auch in der Öffentlichkeit, und nicht wieder schlecht österreichisch die Diskussion nach einer Woche auf die Seite geschoben … Es gibt ja Wichtigeres … den Westring z.B. (Inhärenter Wahrheitsgehalt des Ausrutschers: groß.)

Parallel dazu: ein aktueller öffentlicher Ausrutscher aus Deutschland: Schäuble kritisiert seinen Pressesprecher vor laufenden Kameras …

Macht macht arrogant. Der Pressesprecher kündigte, Schäuble trat noch nicht zurück. Fehler werden nicht toleriert, Fehler werden in der Öffentlichkeit lächerlich gemacht, sieht Frau Wahrheit. Solange Menschen sich in das Forum der Öffentlichkeit stellen – und das ist positiv zu bewerten, wir brauchen PolitikerInnen & Co. -, solange werden auch Fehler in der Öffentlichkeit gemacht. Wo gearbeitet wird, passieren Fehler. Wo viel gearbeitet wird, passieren viele Fehler. Es käme auf den Umgang damit an, auf eine Fehlerkultur, nein, auf eine Arbeitskultur, in der die Möglichkeit/Fähigkeit da ist, eigene Fehler einzugestehen und anderen Fehler zuzugestehen, … und in der dann gemeinsam Lösungen gesucht werden.

Abschließend noch zu etwas ganz anderem: ein paar Gedanken über liturgisches Gewand („Arbeitskleidung“ von Gottesdienst-VorsteherInnen, mögen es Priester sein, PastoralassistentInnen oder zur Liturgiefeier beauftragte Laien). „Kutte“ – pro oder contra? („Kutte“ ist eine wertschätzende, aber natürlich saloppe persönliche Bezeichnung des liturgischen Gewandes, das ich trage, wenn ich Gottesdienste leite. In seiner Schlichtheit erinnert es mich einfach an eine weiße Mönchs-Kutte …) Die Frage „Was spricht für bzw. gegen liturgisches Gewand?“ ist in meinem Arbeitsumfeld zuletzt aufgetaucht, und ich finde es spannend, ihr ein wenig nachzugehen. (Nicht streng theologisch, sondern mehr praktisch.) Was spricht gegen liturgisches Gewand? Es könnte als Zeichen gesehen werden, das abgrenzt, das die Liturgieleitenden hervorhebt, über die Mitfeiernden erhebt. Mit einem solchen Unterscheidungszeichen wäre die Gleichheit der ChristInnen im Gottesdienst nicht gewahrt. Wir alle sind gleich vor Jesus/Gott, aber manche sind gleicher. Meine Meinung dazu: grundsätzlich steckt ein (großes) Körnchen Wahrheit dahinter, aber die praktischen Argumente für liturgisches Gewand sind aktuell stärker. Ich glaube auch, dass es unser (hoffnungsvolles) Ziel sein könnte, in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft Gottesdienste so zu feiern, dass es nicht eines/r bedarf, der/die sichtbar hervorgehoben zelebriert und inhaltlich am meisten zum Gelingen einer würdigen Feier beiträgt … sondern dass es möglich sein wird, gemeinsam (vorher abgesprochen) unser Leben vor Gott hinzubringen, mit festen Elementen, die uns tragen und leiten, aber mit viel Freiraum, der uns vermehrt unseren Alltag einbringen lässt und uns stärker in Verbindung bringen könnte mit der göttlichen Dimension. Aber: wir sind noch nicht soweit. Zumindest in unseren Gemeindegottesdiensten nicht. Und liturgisches Gewand erfüllt (derzeit) wichtige Funktionen: Persönlich lässt es mich in die Rolle hineinschlüpfen, die ich in dieser Stunde wahrnehme. TheaterspielerInnen kennen das. Verkleiden hilft, plötzlich ganz anders zu sein. Und das kann wichtig sein, wenn kurz vor einem Gottesdienst sehr viel los ist, Sachen auf mich einprasseln, die mich nicht bei mir sein lassen, und wenn ich dann, wenn die Glocken läuten, mir davon nichts anmerken lassen soll, konzentriert sein soll. Ich erlebe es auch so: mit dem Reinschlüpfen in das liturgische Gewand kann ich abschalten, mich innerlich auf Gottesdienst-Wellenlänge umstellen. Ich gehe raus aus der Sakristei, rein in den Kirchenraum, und ich bin da. Ein Gefühl, das, ein Moment, den ich sehr schätze.  Vorfreude auf die gemeinsame Feier. (Nach dem Gottesdienst passiert das Gleiche, nur umgekehrt.) Nächstes Pro: Es geht nicht mehr um das Aussehen, um die Kleidung, ob ich einen teuren Anzug trage, der mich abhebt von der Gemeinde – wäre bei mir eh nicht der Fall, aber theoretisch -, oder eine zerrissende Jeans, die belächelt würde. Es geht, wenn ich liturgisches Gewand trage, gar nicht mehr um das Gewand, denn das Gewand macht mich zu einem anderen, zu einem, bei dem es nicht um das Gewand geht. Das schlichte liturgische Gewand – auch Schlichtheit ist ein wertvolles Zeichen – verweist mich/uns darauf, dass es jetzt um etwas Nichtalltägliches geht. Dass in der Feier noch andere Aspekte, Dimensionen mitschwingen. Es zeigt der Gemeinde gut sichtbar diese Gottesdimension, in die wir uns hineinstellen, wenn wir Gottesdienst feiern. Ich denke, dass äußere Zeichen das Sicheinstimmen auf eine solche Feier erleichtern: die Kerzen auf dem Altar, das Kreuz, der ganze Kirchenraum, und eben auch das liturgische Gewand. Gerade in einer Zeit, in der Gott und Welt oft durch einen tiefen Graben getrennt gesehen werden, in der das Göttliche im Alltag oft keinen Platz mehr hat, für viele sogar total unwichtig geworden ist, erleichtern uns Zeichen den Sprung von draußen, vom Sonntagsfrühstück mitten in der gewohnten weltlichen Umgebung, nach drinnen, in den Kirchenraum, in die Gottesdienstfeier hinein. Aber, wie gesagt: in Zukunft werden wir wieder einmal gemeinsam feiern, ohne uns äußerlich so auffällig zu unterscheiden. (Der Kirchenraum mit Kerzen & Co. wird uns zum Hineinfinden in die Feier, als Rahmen, reichen. Oder, in ferner Zukunft, vielleicht gar kein Kirchenbau, sondern wieder Privatwohnungen, mit einem dekorierten Tisch als Altar und mit Menschen, die ganz schnell bei der Sache sind.)

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