Der Einfluss von Literatur … (Teil 3 … von 3)

Teil 1 von „Der Einfluss von Literatur auf mein Welt- und Österreichbild bzw. auf meine Lebens- und Glaubenseinstellungen“ begann ich mit der Feststellung:

Was ich als Privatperson nicht leiden kann, ist unreflektiertes Leben. Mit folgenden Ausführungen versuche ich v.a. für mich selbst, mir klar zu werden, wann und inwiefern Literatur Einfluss auf mein Leben gehabt hat. Nicht, weil ich glaube, dass meine Selbstreflexion lesenswert sei, veröffentliche ich sie, sondern, weil ich denke, dass fremde Lebensreflexionen immer Anstoß für eigene sein können …

Das gilt auch jetzt noch, für den dritten Teil. Die ersten beiden Teile sind hier und hier nachzulesen. War übrigens von Anfang an dreiteilig geplant, und ich will unbedingt heuer diesen „Einfluss …“ abschließen. Vorbemerkungen Ende.

Es gibt Momente, in denen kommt einiges zusammen und passt auch zusammen. Diese Momente können sich auch über Monate erstrecken. Gleich ist ihnen, dass im Rückblick Verschiedenstes gemeinsam einen Sinn ergibt. Die letzten 1 1/2 Jahre meines Studiums waren eine Zeit eines solchen Zusammentreffens, bei dem Literatur eine bedeutende Rolle spielte. Bevor ich ins Detail gehe, ein Musikvideo, „Coincidir“ („Zusammentreffen“): [ok, das Video ist strange, aber die Musik zählt; zumindest für die Spanischverstehenden :-)]

… tantos siglos, tantos mundos, tanto espacio — y coincidir …

… so viele Jahrhunderte, so viele Welten, so viel Platz — und wir treffen zusammen …

Diese Zeit (Anfang 2006 bis Sommer 2007) war geprägt vom Studium (inkl. Diplomarbeit und -prüfung), als sich die theologischen Synapsen vernetzten und Theologie im Cluster endlich einen Sinn ergab; v.a. konnte ich einen eigenen Zugang zur Theologie entwickeln, was ein total spannender Prozess war. Diese Zeit war auch geprägt von der Geburt und dem ersten Lebensjahr von Noah sowie vom Geldverdienenmüsssen, wodurch die Nachmittage verbraucht waren. (Ein typischer Tagesablauf damals: 5 Uhr aufstehen, mit Noah spielen, 9 Uhr zur Uni, dort den Vormittag verbracht, bis 19 Uhr spätestens Nachhilfe, am Abend daheim, in der Nacht Diplomarbeit geschrieben. War eine nette Zeit.)

In dieser sehr dichten Zeit war Lesen mein einziges Hobby und gleichzeitig beste Möglichkeit, abzuschalten und einzutauchen in andere Welten. (Erstaunlicherweise hatte ich trotz einer Fülle von Skripten und theologischer Fachliteratur noch nicht genug von Büchern und Buchstaben.)

Zwei Autoren prägten mich in dieser Zeit. (Andere Autoren las ich nicht.) Michel Houellebecq und Haruki Murakami. Die erlebte Intensität in der Abfolge der Bücher, die ich las und die im Sommer 2007 zu Ende ging, ließ mich zu dem Gedanken hinreißen, dass ich von nun an nur mehr immer wieder genau diese Bücher zu lesen hätte, und es würde mir genügen. Ich spürte, dass diese Bücher einiges mit meinem Leben zu tun haben, fast, als wären sie nur für mich geschrieben worden. (Ich denke, dieses Gefühl tritt öfters beim Lesen eines Buches auf. In diesem Fall war es aber eine ganze Reihe von Büchern.)

Auch wenn sie meine Theologie in meinem Kopf merkbar beeinflussten, konnte ich dennoch die „übersinnliche“ Verbindung zu meinem Leben nicht erklären, und ich kann es auch heute nicht.

Ein paar Bemerkungen zu den einzelnen Büchern (und darüber, warum sie mich beeinflussten,) mögen genügen:

Michel Houellebecq las ich, als die Aufregung um Elementarteilchen schon wieder ein paar Jahre zurück lag. In den Weihnachtsferien 2005/06 verschlang ich Plattform, in den Sommerferien 06 Elementarteilchen und in den Weihnachtsferien 06/07 – dieses Mal frisch und im Hardcover – Die Möglichkeit einer Insel.

Plattform faszinierte mich ob der pseudowissenschaftlichen Nüchternheit, mit der die Tourismusbranche in einen Roman eingebaut wurde – und ob des unerwarteten, wenn auch hochaktuellen Endes. Houellebecqs „Stil“, nicht nur in Plattform, ist eine (sprachlich wie inhaltlich) nüchterne Desillusionierung. Er schreibt ungeschönt und ehrlich. Oft provozierend, fast übertrieben sexuell und auch oft banal, aber nie zuviel. Die Ehrlichkeit seiner Sätze hat es mir wahrscheinlich angetan.

Elementarteilchen – wer den Roman gelesen hat, weiß, dass er für sich spricht. Mich hat (auch bei der wiederholten Lektüre heuer) u.a. angesprochen und gleichzeitig angewidert, wie krass er religiöse und sexuelle Inhalte nebeneinander stellt. Oder, wie schwer er sich tut, sich überhaupt gänzlich von religiösen Inhalten zu trennen. Sie scheinen ihn zu beschäftigen, und er kann sich doch nicht qualifiziert mit ihnen auseinandersetzen. (Ok, er schon, aber die Romanfiguren überhaupt nicht.) – Für mich bleibt die spannende Frage im Raum stehen, ob es in einer ganz und gar säkularisierten Welt (wie in der Welt dieses Romanes) den Menschen unmöglich ist, sich von Religion (im weiteren Sinne) zu verabschieden, oder ob auch durch und durch äußerlich wie innerlich unreligiöse Menschen immer wieder sich dabei ertappen, sich religiöse Fragen zu stellen.

Die Möglichkeit einer Insel war eine Offenbarung. Quasi als Fortsetzung des Epilogs von Elementarteilchen beschreibt Die Möglichkeit einer Insel das Leben der nächsten Stufe von Menschsein, der Klone. Kaum jemals war ich so berührt wie hier von der fesselnden Beschreibung der „metallenen“ Leere des (Nicht-mehr-)Mensch-Seins in naher Zukunft. Futuristisch, und doch schon so aktuell. Und auch hier wieder: Die religiöse Frage taucht auf. „Die Insel“ als Möglichkeit eines Lebens außerhalb des Nicht-Lebens der Klonexistenz, als Möglichkeit des Paradieses in einer zerstörten Welt. Immer wieder wird es Menschen (oder andere Lebewesen, oder Klone) geben, die sich ihrer Sehnsucht stellen und ihr nachgehen … Die Hoffnung stirbt nie.

Houellebeqc half mir, meinen Glauben nüchterner zu betrachten, ihn (noch mehr) auf die Tauglichkeit im 21. Jahrhundert abzuklopfen und ihn schließlich (zuerst für mich) zeitgemäß zu artikulieren.

Haruki Murakamis Traumwelten sind einfach wunderbar. Bitte dringend lesen! Kultverdacht. Ich las zwischen Houellebecqs Romanen Tanz mit dem Schafsmann, Mister Aufziehvogel, Kafka am Strand, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt, Afterdark und Sputnik Sweatheart; eine Kurzbeschreibung gibt es auf Wikipedia. Zwei haben mich wegen einer Thematik besonders angesprochen:

In Kafka am Strand kommt eine Szene vor, in der die Hauptfigur durch dichten Wald auf eine Lichtung geführt wird, auf der das Leben und die Zeit stehengeblieben ist. Er wird eingeladen, hierzubleiben. Aber er reißt sich los, in letzter Minute, er muss zurück, er hat noch etwas zu erledigen. Der Ort versprüht „Paradies“ und „verstaubt“ zugleich. Es wäre die Gelegenheit, ein ruhiges Leben zu führen, wenn auch mit Abstrichen, fern der Zivilisation.

Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt ist wahrscheinlich zu meinem neuen Lieblingsroman geworden. Unübertreffbar für mich in der Zuspitzung auf zwei Alternativen. „Wiki“ beschreibt den Inhalt so:

In der fernen Gegenwart tobt ein Datenkrieg, in dem der 35-jährige Ich-Erzähler als Waffe dient. Durch die Manipulation der rivalisierenden Mächte ist er gezwungen, in zwei parallelen Welten – dem realen Tokio und einem reduzierten, märchenhaften Ort – zu leben. Letztlich wird er jedoch nur in einer überleben können.

Ziemlich reduziert. Aber ich könnte den Inhalt auch nicht in wenigen Worten zusammenfassen. Die „zweite“ Welt des Ich-Erzählers, der „märchenhafte Ort“, ist allerdings kaum etwas anderes als die breite (und großartige) Ausgestaltung jenen fernen Ortes in Kafka am Strand, und ist ebenso ein Ort, der die Duftnoten „Paradies“ und „verstaubt“ gleichzeitig nur so versprüht. Das Ende der Welt als beinahe-Paradies … Die Hälfte der Zeit lebt der Ich-Erzähler in dieser Welt, und sie ist faszinierend. In ihrer Schlichtheit wie in ihrer Ausweglosigkeit. Für welchen Ort wird sich der Ich-Erzähler entscheiden? Bleibt er in der Realität oder verabschiedet er sich für immer in das „zweitbeste Paradies“? (Hat er überhaupt eine Wahl?) Der Ort ist nicht die erste Wahl (eines Traumurlaubes z.B.), aber er ist die zweitbeste und „realistischste“ Möglichkeit, sich in einem Quasi-Paradies für immer einzunisten.

Ich habe jahrelang nicht gewusst, was dieser Roman mit meinem Leben zu tun haben soll. Heute weiß ich es ansatzweise.

Und mit diesem Satz verabschiede ich mich inhaltlich von diesem Jahr – einen stichwortartigen Jahresrückblick habe ich hier noch vor, aber nichts Längeres – und wünsche ein gesegnetes Weihnachtsfest! Ein Fest, das den erstbesten Frieden, den die Welt zu bieten hat, euch/Ihnen bereithalten möge!

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