Ein kleiner Versuch über die Zeit

So, jetzt ist doch noch ein Eintrag vor Silvester dazugekommen. Manchmal wirft das Leben einfach (Nicht-)Geplantes über den Haufen; bei mir sind es meist die lebhaften Gedanken, die die Blog-Planung über den Haufen werfen – heute Gedanken, die ich einfach nicht ins neue Jahr mitschleppen will … Und welche Zeit eignet sich besser, über „Zeit“ zu schreiben, als die Zeit um den Jahreswechsel, in der uns die Zeitlichkeit des Lebens so richtig bewusst wird? Na also …

Albert Einstein soll einmal gesagt haben:

Zeit ist das, was man an der Uhr abliest.

Kaum zu glauben, dass Albert so etwas Banales gesagt hat. Aber Herr Einstein war schlau, und er hatte subtilen Humor. Wenn ich mich vor einer menschlichen Intelligenz verneige, dann vor Einsteins Geist. Menschen wie ihm hatte ich es zu verdanken, dass ich Physik studieren wollte. (Ja, wollte, ich weiß, aber Physik und Mathematik waren für mich immerhin realistische Studienfächer, während Archäologie, Statistik, Germanistik und Klassische Philologie zwar Wünsche, nie aber wirklich realistisch waren.) Quarks, schwarze Löcher, Teilchenbeschleuniger, Strings & Co. haben mich eine Zeit lang ziemlich fasziniert … Schluss mit der Nostalgie. Zeit. Zeit … „Zeit“ gehört auch zum Bereich der Physik, die ich so geliebt habe. Aber ich bin kein Physiker und ich will meinen kleinen Versuch über die Zeit auch nicht phsyikalisch-wissenschaftlich, sondern erfahrungsbezogen abhandeln. Das wird zwar die Welt nicht weiterbringen, aber dafür nehme ich Sie mit auf eine Reise in die unheimliche, untergrundähnliche Welt der Fragen, die mich gerade beschäftigen. Please fasten your seat belts.

Schaue ich auf meinen Terminkalender, bin ich zuerst mal froh, dass er bald aus ist. 2010 geht dem Ende zu. Serious, schaue ich auf meinen Kalender, frage ich mich oft, wo die freie Zeit hingekommen ist. Schlafen und essen  nenne ich nun mal nicht Freizeit. Mit den Kindern spielen: auch nicht. Einkaufen, nö. Mittagspause machen in der Arbeit: mnnn (*kopfschüttel*). Nach einer Pfarrgemeinderatssitzung bis ca. zwei Uhr früh sitzenzubleiben und quatschen, auch nicht. Zeit ist für mich deswegen so eine ständige Grübelkonstante, weil ich so viele fixe Arbeitstermine habe, dass ich manchmal nicht zum Arbeiten komme. – Mein Kalender suggeriert mir, dass Zeit das ist, was im Kalender steht. 14-16 Uhr X. 17-19 Uhr Y. 19-21 Uhr Z. Zeit sind Termine, oder?

Jeder Tag hat 24 Stunden, jede Stunde hat 60 Minuten, jede Minute 60 Sekunden, usw. – Also muss doch jede Stunde gleich schnell vergehen!? Der Zeiger auf der Uhr tickt immer gleich schnell, aber es kommt uns nicht immer gleich schnell vor. Zeit ist nur objektiv objektiv (= gleich schnell vergehend), Zeit ist aber meist subjektiv, sie vergeht unterschiedlich schnell. Das ist unsere (und auch meine) Erfahrung: Zeit vergeht (meistens) und sie vergeht unterschiedlich schnell (oder langsam).

Und das beschäftigt mich: Wann vergeht die Zeit kaum (= sehr langsam)? Bzw. wann vergeht sie sogar so (schnell oder langsam), dass es uns nicht auffällt, dass sie vergeht? (Und warum ist das so?) Wobei also?

*Stress:

Vor lauter Dingen, die zu tun sind, kommen wir nicht dazu, auf die Uhr zu schauen, und schon sind zwei Stunden wie nichts um.

* Sex:

Bestes Beispiel, in dem die Zeit keine Rolle mehr spielt.

* Gottesdienst:

Das habe ich schon mal gebloggt. Die Zeit bleibt für mich stehen. Ich erlebe Ewigkeit.

* Fortgehen:

Ein wenig geplaudert, ein wenig getrunken, ein wenig getanzt, und schon ist es 4 Uhr am Morgen. Wow, wie die Zeit vergeht. Und dann braucht das Taxi gefühlte 4 Stunden, bis es endlich da ist, obwohl mir jede Minute die Augen zufallen könnten.

*  Träumen:

Jetzt wird’s kompliziert. Beginnen wir mit der Deskription des Traumes:

Ein Traum ist eine psychische Aktivität während des Schlafes und wird als besondere Form des Erlebens im Schlaf charakterisiert, das häufig von lebhaften Bildern begleitet und mit intensiven Gefühlen verbunden ist, woran sich der Betroffene nach dem Erwachen meist nur teilweise erinnern kann.[1] Stickgold (2001) beschreibt Träume als „bizarre oder halluzinatorische mentale Aktivität (…)“, „(…) die während eines Kontinuums an Schlaf- und Wachstadien einsetzt“. Krippner et al. (1994) beschreiben den Traum als „(…) eine Serie von Bildern, die während des Schlafes auftritt und oft verbal berichtet wird“. Der Neuropsychologe Hobson beschreibt den Traum als „(…) a form of madness“ (1998).

(http://de.wikipedia.org/wiki/Traum)

Ich träume viel und gern. (A form of madness?) Ich träume lange. Manchmal stundenlang.  Subjektiv. Die Theorie sagt, wir träumen höchstens 40 Minuten oder so. Aber das macht mir nichts, ich träume trotzdem stundenlang. Manchmal habe ich vor dem Aufwachen bis zu drei intensive Träume, an die ich mich dann noch erinnern kann. (Bitte nicht fragen, wie fertig ich dann nach dem Aufwachen bin. Träumen ist anstrengend.)

Träumen kann auch gefährlich sein. Vor allem, wenn man sich bewusst in einen gefährlichen Traum begibt. Klar, ich rede von Inception, dem Film, den ich mir am Abend meines Geburtstages angeschaut habe, und der zugegebenermaßen auch „schuld“ daran ist, dass ich mir schon wieder so viele Fragen stelle (und über „Zeit“ blogge). Für alle, die den Film nicht kennen, der Trailer (sowie der Inhalt und eine Kritik [voller Rechtschreibfehler]):

Ein Traum von einem Film! Und ein Film von einem Traum, einem besonderen Traum. Inception bildet viel Wahres ab – und das lässt die Geschichte so intensiv nachvollziehen:

  • Es ist möglich, auf mehreren Ebenen zu träumen. Ich hatte schon einmal einen Traum, in dem ich geträumt habe, dann daraus aufgewacht bin, und als ich wirklich aufwachte, merkte ich, dass ich innerhalb des Traumes aufgewacht war.
  • Zeit vergeht im Traum anders, viel langsamer; d.h. ich kann in kurzer Echtzeit lange Träume genießen. Zeit auf zwei Ebenen. Träume relativieren die Zeit wirklich.
  • Die Orte sind anders. Naturgesetze können aufgehoben werden. – Träume zeigen uns, dass es Zeit unabhängig von Raum nicht geben kann. In jedem Raum ist die Zeit anders.
  • Ein „Kick“ hilft uns, aufzuwachen. Schon oft erlebt!
  • Der Film stellt die Frage der Realität der Realität.

Zu letzterem Punkt überlege ich:

  • Wo beginnt die Realität? Wo endet sie?
  • Wie real ist ein Traum?
  • Ist die Realität nur(wie)  ein Traum, der aufhört, wenn man stirbt?
  • Was ist (d.h. wie wirkt es sich aus), wenn ich die Realität hinterfrage? Welche Möglichkeiten eröffnen sich, wenn ich wahrnehme, dass auf anderen Wirklichkeitsstufen „mehr drinnen ist“? Kann ich meine Träume auch leben – in dem, was wir „Realität“ nennen?
  • usw.

Wenn schon die objekte Zeit relativ ist (wie Albert in seiner Relativitätstheorie gezeigt hat), wie erst die subjektiv erlebte!

Warum diktiert uns dann die Zeit so? Wie ungesund und unmenschlich ist das System, das wir uns selbst geschafft haben?! Warum gebe ich mich so oft einem Zeitdruck hin? Warum schaffen wir uns nicht mehr Räume, in denen wir normal atmen können, und mehr Orte, an denen die Zeit nicht vergeht?

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4 Antworten zu “Ein kleiner Versuch über die Zeit

  1. Realität ist das, was in uns stattfindet. Die Realität besteht aus Täuschung. Gebildet durch unsere Sinne / Rezeptoren.
    Im Traum wird die Realität / Täuschung in uns gebildet, ohne die Sensorik.
    Was von beiden ist also realer? Und was bedeutet das für die Zeit?
    Das sind ernste, sachliche Fragen.
    Der Unterschied zwischen Wachzustand und Traum sind wohl quantitativ, nicht qualitativ.
    Im Wachzustand braucht es mehr rezeptorische Täuschung, um uns zu überzeugen, dass Realität stattfindet.
    Nehmen wir einen tauben und blinden Menschen. Er verlässt sich auf taktile, vestibuläre und olfaktorische Reize. Diese zeigen ihm: Aha, ich sitze gerade.
    Das ist für ihn erfahrbare Zeit (da er die Uhr nicht lesen kann, wie der Einstein).
    Nun, im Traum sind solche Dinge nicht wichtig. Und da existiert Zeit auch nicht mehr.
    Zeit ist nur während der 100% Täuschung, der Realität im Wachzustand notwendig.
    Vielleicht erschließt sich uns das Thema nicht nur durch Physik, sondern auch durch die Medizin.

    Mikkai

    • Ich stimme mit dir überein: in dem, dass Realität das ist, was in uns stattfindet; jede(r) hat seine/ihre eigene Realität. Gebildet u.a. (!) durch Sinne, Rezeptoren.
      Ich stimme nicht überein: in dem, dass du „realer“ findest, was ohne Sensorik gebildet wird. Unsere Sinne (aber noch mehr als unsere Sinne) machen uns zu realen, in Raumzeit agierenden Lebewesen.
      Sinne täuschen nicht absichtlich, ihnen Täuschung zuzuschreiben ist Interpretation. Sinne täuschen uns insofern, indem sie nicht 100%ig perfekt sind. Das kann ich ihnen zugestehen. Das macht meine Sinne für mich sympathisch.
      Zeit ist im Traum nicht wichtig. Das finde ich in der Traumwelt super. In der Realität brauche ich soetwas wie Zeit, um mich festzuhalten.
      Aber ich brauche „Aus-Zeiten“, um mit mir wieder ins Reine zu kommen, Momente, in denen ich keine Zeit spüre. Allerdings: ständig will ich auch nicht im zeitlosen „Raum“ schweben …

      • Nun, wenn zur Realität auch sensorische Reizen zählen sollen, dann sind sie mit eingeschlossen. Doch wie alle menschlichen Maßstäbe ist dies aus der Luft gegriffen. Das Raumzeit existiert, täuschen uns bloß die Sinne vor („zuerst war das, dann das“ – eine menschliche Angewohnheit zu pathologisieren, denn alles gleichzeitig stattfinden zu lassen, wäre gerade zu autistisch).
        Da wir ohne Sinne nicht begrifffähig sind, bleibt der Gegenbeweis aus, zeigt aber gleichzeitig, dass ohne Sinne nichts ist – was auch einer Realität entspricht. Warum nicht? Das Sinne sinnvolles leisten ist für mich nicht bewiesen, und wirklich etwas worüber ich mir ernsthaft den Kopf zerbreche. Denn der Sinnansatz ist hier so kausal, so „urgründig“, dass mit einer Aussage zur Sinnhaftigkeit zu weit vorgegriffen wäre. Kennen wir denn nur „sinnvoll“ und „sinnlos“? Das ist zu grob. Danke für den bisherigen Austausch.

        Mikkai

        • Zwei Sachverhalten muss/kann/will ich zustimmen:

          Erstens, dass „sinnvoll“ und „sinnlos“ zu grobe Einteilungskategorien sind, die keinen Raum zwischen sich lassen. Obwohl es viel zwischen sinn-voll und sinn-los gibt. Wir verbringen viel Zeit damit, Dinge zu tun, die weder sinnvoll noch sinnlos sind. (Aber welche meine „Aussage zur Sinnhaftigkeit“ meinst du genau?) Obwohl wiederum: Ich selbst wünsche mir, möglichst viel Zeit mit „sinnvollen“ Tätigkeiten (oder Nicht-Tätig-keiten) zu verbringen. Wobei ich selbst Dingen Sinn zuschreibe.

          Zweitens: dass wir wirklich nicht wissen (und auch NIE feststellen werden können), in welcher „Ebene“ wir uns befinden, ob das, was wir gemeinhin mit Realität bezeichnen, wirklich das Reale, das Wirkliche ist, ob Träume realer sind, oder ob es noch viel mehr „Ebenen“ gibt, wovon wir keine (oder nur mäßige) Ahnung haben (, oder ob es z.B. eine „Ebene“ gibt, die wir „Himmel“ nennen und unter der sich jede(r) ein bisschen etwas anderes vorstellt).

          Aber: dadurch, dass wir hier miteinander diskutieren – auch von mir einen Dank für die bisherigen Kommentare, sie bringen mich wieder dazu, „tiefer“ als alltäglich zu denken -, geben wir indirekt zu, dass wir uns auf einer „relevanten Ebene“ befinden. Zumindest macht das Nachdenken in der „Realität“ „Spaß“. Es erfüllt. Und wir machen uns HIER Gedanken, wie es WOANDERS zugeht. Nicht umgekehrt. Die „Realität“ ist unsere „erste Ebene“.

          Und, das nur nebenbei, diese „Ebene“ braucht uns als Menschen, die einander helfen, das Leben zu meistern … Hänge ich nur mehr in meiner Traumwelt ab, dann krepiert neben mir mein kleiner Sohn. (Nur als Beispiel.)

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