Streit und Flucht, Frischluft und Tunnel


Anders als es vielleicht aussehen mag, schreibe ich keine Bildgeschichte zu obigen Pics. Auch wenn das Ganze einen schlüssigen Ablauf hergäbe. Tom streitet sich mit Silvia. Er/sie flüchtet. Hinaus in die frische Luft. Und doch, es gibt kein Entkommen, das Paar befindet sich in einer Tunnel-Phase der Beziehung, Augen zu und durch, irgendwo gibt’s einen Ausgang, irgendwann kommt wieder Licht. Nein! Nur ein paar Beobachtungen vom letzten Wochenende und davor. Und es hängt doch alles zusammen …

Unsere Kirche heute vor einer Woche. Donnerstagabendgottesdienst. Menschen versammeln sich zum Hochgebet um den Altar. Ein großer Kreis, aber er reicht nicht aus. Zu viele sind da. Donnerstags feiern wir sonst oft zu zehnt, fünfzehnt. Dieses Mal ist es anders. Junge Erwachsene, Kinder, ältere Menschen, ein bunter Haufen. Erleichterung, gelöste Stimmung liegt in der Luft. Eine Stunde vorher, Seminarraum 1. Eltern von Kindern, die heuer zur Erstkommunion kommen, versammeln sich. Eltern aus einer anderen Pfarre. Sie sind „auf der Flucht“. Sie sind auf der Suche nach einer neuen Pfarre. Sie fühlen sich in ihrer Pfarre nicht mehr wohl. Unverstanden vom Pfarrer, indirekt vertrieben von der mittelalterlichen Theologie des Neokatechumenats, die dort, in St. Antonius, herrscht. Kindern wird im Religionsunterricht Angst gemacht, PCs werden in der Predigt als „teuflisch“ beschrieben, Erwachsene werden nicht ernst genommen. Wer verlässt schon freiwillig, ohne Grund, seine Heimatpfarre? Menschen auf der Flucht. Sie kommen nach Marcel Callo – und fühlen sich schon nach einer Stunde wohl. Manche waren auch schon zu Weihnachten da. Sie sind willkommen. Dann, im Gottesdienst, feiern wir unseren Alltag. Die Stimmung ist gelöst, und doch feierlich, dicht. Ich bin zu Tränen gerührt. Kirche kann so einfach sein.

Zwei Tage später.Vergangenes Wochenende. PGR-Klausur. Unser Thema: „Erzähl mir von der Anfangszeit …!“ Der Referent, Martin Zellinger, führte uns 2000 Jahre zurück in die Geschichte, in die Zeit der Jesus-Geschichte. An einer Zeitschnur hingen Ereignisse. Zwei davon haben einiges zum Gären gebracht.

30 nach Christus. Jesu Tod. Oder anders formuliert: Die religiösen Anführer seiner Zeit und seiner Religion haben ihn nicht mehr ausgehalten und ihn umbringen lassen. Sie sind der inhaltlichen Auseinandersetzung nicht mehr gewachsen gewesen und haben das Problem auf ihre Weise „gelöst“. Sie waren feig, haben Angst gehabt und sind der Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen. Es ist frappierend, in einer wie ähnlichen Situation wir heute in unserer christlichen Religion stecken. Ja, stecken. Scheinbar ohne Ausweg. Die „Lösungen“ von oben führen zu nichts. Diskussionen wird mit Holzhammer(nicht)argumenten aus dem Weg gegangen. Am liebsten wäre dem Vatikan freiwilliges Schweigen all jener, die nicht ihren Weg des Zurück gehen. Zurück zum Ursprung wäre ja gut. Aber zurück ins 19. Jahrhundert oder ins Mittelalter – nicht mit uns modernen Menschen des 21. Jahrhunderts. Ich verstehe, warum uns immer mehr den Rücken kehren. Auch wenn’s noch weniger bringt …

49 nach Christus. Das sogenannte „Apostelkonzil“. Heftige, vielleicht sogar handgreifliche Auseinandersetzungen. Paulus gegen Petrus. Es wird gestritten. Aber: am Schluss gibt’s weder faule Kompromisse noch Verlierer. Paulus hat sich durchgesetzt, und doch verliert niemand sein Gesicht. Beide Wege werden akzeptiert. Jeder lässt den anderen sein Ding durchziehen. In gegenseitigem Verständnis und in Wertschätzung. Wunsch für die Kirche von heute: Streitenkönnen in gegenseitiger Wertschätzung. Konflikte offen ansprechen können, ohne sich vor einem Maulkorb oder Anzeigen in Rom fürchten zu müssen. Verschiedenste Menschen wollen Verschiedenstes von unserer Kirche. Brauchen verschiedene Pfarren. Beides soll möglich sein, aber immer in Wertschätzung und Achtung der gegenwärtigen Gesellschaft. Wo das nicht selbstverständlich ist, passieren Wunden. Und Austritte.

Zurück zur PGR-Klausur. Bei der Schlussrunde habe ich mir vorgenommen, das Stichwort „Frischluft“ zu erwähnen. Ist mir entfallen. Hol ich hier nach. „Frischluft“ brachte der Spaziergang im sonnig-winterlichen Schlägl. „Frischluft“ spüre ich immer wieder in unserem PGR. Dankbarkeit dafür, wie es ist. Ich genieße unseren PGR. (Pfarrgemeinderat, für Nicht-Insider.)

Bei der Heimfahrt. Rein in den Römerbergtunnel. Hier beginnt wirklich Linz. Die Weite verengt sich, Straßenfluchten lassen mich daheim ankommen. Ich bin gern in Linz. Und doch: Ich merke, dass hier die „Frischluft“ aufhört. Zumindest im Winter, wenn es so oft nebelig ist wie heuer. Die Luft von Schlägl ist hier nicht. Ich sehne mich nach Sonne und Frischluft. Wenigstens trage ich sie in meinem Herzen, Erfahrungen von der PGR-Klausur und von den „St. Antonius-Flüchtlingen“ inbegriffen.

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Eine Antwort zu “Streit und Flucht, Frischluft und Tunnel

  1. Hallo Rainer! Zwar nicht sehr oft, aber doch regelmäßig lese ich Deine Kommentare hier…
    sie sind immer sehr erfrischend! Ich wünsche Dir auch weiterhin viel Frischluft zum genießen…
    Grüße aus’m Ländle,

    Fabian

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