In der Spannung (I): Zwischen Leben und Tod

In diesem Arbeitsjahr 2013/14, das am Auslaufen ist und (für mich) langsam in Urlaubszeit übergeht, sind mir immer wieder Gedanken untergekommen, in welchen Spannungsfeldern wir (und besonders Studierende) stehen und zwischen welchen Polen wir unser Leben ausspannen (müssen). Heute starte ich diese Blog-Serie „In der Spannung“, in der Spannung zwischen Vorfreude (auf neues Terrain) und der Befürchtung, dass die Serie nach einem Beitrag auch schon wieder enden könnte (wegen Zeitmangels z.B.).

Speziell im Blick habe ich Theologiestudierende, die ich begleite, weil die Anregungen vorwiegend dort entspringen; aber die Themen der Serie sollten allgemein-menschliche sein.

Ich kann nicht versprechen, dass es spannend wird, aber ich versuche mich zu bemühen, menschliche (studentische) Spannungsfelder so zu formulieren, dass erkennbar ist, dass ich mich bemüht habe, auch ein wenig spannend zu schreiben. Niemand erwartet ja folgendes (und damit beginnt das heutige Thema):

hochspannung_lichtkunst.73_pixFoto: lichtkunst.73 / pixelio.de

Oder doch?

Oder doch ist kein guter Beginn einer Notiz zu Leben und Tod. Nächster Versuch.

September 2013. Es war kein guter Beginn eines Arbeitsjahres. Es war ein sehr emotionaler Monat für mich. Am 6.9. stirbt mein früherer Chef & Arbeitskollege Martin. 40-jährig. Ich habe es bis heute nicht geschafft, über (für) Martin etwas zu schreiben, es geht noch nicht. Der Tod lähmt. 3 Wochen später kommt mein 3. Kind zur Welt, wohlauf, ein kleines Päckchen Leben.  Ein Geschenk. – Es war schwer auszuhalten, solche Emotionen parallel laufen zu haben. Ich habe ein paar Monate gebraucht, um wieder auf eine normale emotionale Ebene zu kommen, – doch was ist normal? Verdrängung des Todes? Verdrängung des Lebens?

Den Tod kannte ich. Als stete Möglichkeit und als Notwendigkeit am Ende des Lebens. Theoretisch. Und ich kannte die Situation, Menschen zu begegnen, die trauern. Ich hielt Begräbnisse. Auch Begräbnisse, wo ich die Angehörigen kannte. (Was in der Stadt ja nicht der Normalfall ist.) Ich denke, es ist mir gelungen, für Menschen in Trauersituationen da zu sein. Begräbnisse (wo ich niemanden kannte) machten mich 3, 4 Tage nachdenklich, doch dann ging es wieder. Es ist etwas komplett anderes, jemanden zu verlieren. Jemanden, den man gerne wiedergesehen hätte, einmal, öfters. Der Tod lässt sich nicht verstehen …

Das Leben kenne ich. Nicht nur theoretisch. Intensiv. Ein Kleinkind braucht Zeit, Liebe, elterliche Betreuung. Mit 3 Kindern auch noch selbst zu leben und als Paar Beziehung zu leben, das ist eine Herausforderung. Herausforderung angenommen. Es tut ein bisschen weh, so viel Liebe, so viel Leben zu spüren.

augen_kind

Heute schreibe ich von mir. Doch ich bin nur einer von Milliarden. Ich könnte von dir, von Hubert, von Anastasia oder Kim schreiben – und müsste die Zeilen kaum verändern. Das Leben lässt sich nicht aufhalten. So wenig wie der Tod. Er kommt und fragt nicht. Er hinterfragt. Mensch, wo ist dein Leben? Lebst du schon oder …? Oder trauerst du noch deinen Möglichkeiten nach, die sich nie ergeben werden, weil du sie nicht ausprobieren wirst?

Sie treffen und betreffen dich und mich. Das Leben und der Tod. Die Grundsatzspannung des Erdendaseins. Hineingeworfen in eine Welt, die wir uns nicht ausgesucht haben. In ein Land, in eine Familiensituation, die wir uns nicht ausgesucht haben. In gesellschaftliche Paradigmen, die schon da sind, bevor wir sie verstehen lernen (und ändern wollen). Wir dürfen, müssen leben, auskommen mit dem, was ist. Und mit dem, was wir dazutun können. Manche scheinen von Geburt an keine Chance zu haben auf ein menschenwürdiges Leben, andere denken nicht einmal drüber nach, Was ist Leben eigentlich?, weil es ihnen zu gut geht. Und hineingeworfen in eine Welt, die von Anfang an begrenzt ist für mich, mit einem Horizont, der schnell nahekommen kann, der mich überraschend einholen kann, der aber oft weit weg scheint im Alltag, weil wir nicht stets dran denken (wollen/müssen/sollen). – Diese Grundsatzsituation, diese Spannung vom ersten Moment an betrifft jede/n, jederzeit. Kann jede/n jederzeit betreffen. Im Hintergrund baut sie leise ihr Zuhause bei dir.

Der Tod im Alltag, im Kleinen: Jeder Abschied, jedes Schlafengehen, jede Niederlage im Fußball, jede verbale Verletzung durch einen geliebten Menschen, … kündigt ihn, die letzte große Verletzung/Niederlage/…, das letzte Schlafengehen an.

Als Student/in sollte man/frau leben. pura vita, lebe intensiv! Der Tod? Eine Randerscheinung. Es ist auch gut, dass junge Menschen unbeschwert leben, den Tod nicht würdigen.

Ich denke dennoch, dass gerade Theologiestudierende mit und in dieser Spannung leben lernen sollten. Ein Medizinstudent braucht sich nicht fragen, Wie begleite ich trauernde Angehörige? Er schneidet Tote auf, seziert. Der tote Leib als Hülle, der Mensch generell als Objekt, das man untersuchen kann. Ist auch nicht schlimm, im Gegenteil, ist einfach eine objektive, wissenschaftliche Herangehensweise. Ist aber nicht alles. Es braucht Menschen, die auch professionell Ahnung haben sollten, wie man mit Leben und Tod subjektiv umgeht. Die Bestattungsunternehmen gehen gut mit dem Tod um. Sollten es zumindest. Menschen, die in der Kirche arbeiten, sollten mit Fragen des Lebens & des Todes gut umgehen können. Dazu gehört die rechtzeitige Auseinandersetzung mit diesen Themen, nicht erst mit 50.

Theologiestudierende haben keine Garantie, besser, sorgenfreier zu leben; aber sie sollten lernen, mehr zu reflektieren, professionell das Ganze in den Blick zu nehmen, über Leben & Tod mehr als in Phrasen reden zu können. It’s not easy für junge Menschen, wenn sie sich dieser Herausforderung bewusst werden. Doch Menschen, die andere durchs Leben begleiten, ob in der Schule, im Altenheim oder in einer Pfarre (oder sonstwo), sind selbst bestärkt durch den Glauben, der uns darauf hinweist, dass im Mittelpunkt, im Zentrum unseres Daseins Leben & Tod in ihrer ganzen Dramatik stehen – Karwoche & Ostern, Tod & Auferstehung als verordnete Nachdenkpause über die wirklich entscheidende Spannung, die uns prägt. Aus dieser Spannung heraus zu leben (statt an ihr zu verzweifeln) verändert, macht reif, beglückt. Ein bisschen muss es auch wehtun …

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