Taizé und das Problem des Friedens

Folgenden Beitrag habe ich ursprünglich in Taizé geschrieben, wo ich im Juli eine Woche mit einer Gruppe von Theologiestudierenden verbringen durfte. Habe ihn leicht überarbeitet und (zwecks Lesbarkeit) mit Fußnoten und Zwischenüberschriften versehen …

„In Frankreich patrouillieren vor Kirchen und religiösen Gebäuden gegenwärtig Angehörige der Streitkräfte. Dies dient der inneren Sicherheit und soll niemanden beunruhigen.“ Dieser Satz am Infozettel, den wir beim Empfang in Taizé erhalten haben, machte mich zwar aufmerksam darauf, dass wir hier in Frankreich sind, einem Land, in dem jüngst Anschläge geschahen und wodurch hohe Sensibilität für das Thema herrscht, aber brachte mich noch nicht wirklich zum Nachdenken. Eine Frage beim deutschsprachigen Gruppenleitertreffen und eine Notiz meinerseits dazu in unserer Gruppe reichte aber, dass das Thema der Terrorgefahr am Montagabend diskutiert wurde – und auch mich nachdenklich machte. Am nächsten Morgen, beim Morgengebet, sah ich dann auch bewaffnete Militärs vor den offenen Türen auf und ab gehen – eine wahrlich seltsame Konstellation: Wir beten, wir beten auch speziell um den Frieden, an einem Ort, der sich ausdrücklich um Frieden, Vertrauen, Versöhnung unter den Völkern, zwischen den Menschen bemüht, – und draußen vor der Tür: Männer in Uniform, mit Waffen, deren einziger Zweck es ist, Menschen im Fall der Fälle zu töten (verletzen).

Im Gespräch am Abend zuvor wurde schnell klar, dass Taizé als Symbol für ein westliches, christliches Friedensprojekt (und zusätzlich als Ort in Frankreich) Zielscheibe par excellence wäre für sog. „Terroristen“, dass aber auch terror-logistische (mitten am Land) sowie politische Gründe („Taizé hat uns nichts getan“, Taizé ist nicht politisch1, führt keine Kriege, hat keine kolonialen Wirtschaftsinteressen, zeichnet keine religions-politischen Comics) doch eher gegen eine konkrete Gefahr sprechen. Dass einem mulmig wird (wie auch mir selbst beim Wahrnehmen der Patrouille) bzw. das Realisieren der Realität kurzfristig zu Angst, dass evtl. etwas passieren könnte, führen kann, ist nachvollziehbare menschliche Reaktion.

Angst

Doch wovor haben wir Angst?

Wohl nicht vor dem Tod durch einen Terroranschlag in Taizé? (Doch, sicher, kurzfristig, unreflektiert.) Viel eher werden wir in Österreich durch einen Blitz oder – noch viel wahrscheinlicher – durch einen Autounfall getötet. Trotzdem verlassen wir zurecht jeden Tag das Haus (oder, in Taizé, das Zelt) – ohne Gedanken an den Tod.2

Ich denke, wir haben Angst vor dem Umstand, dass der (für meine Generation) „ewige“ Friede in Europa verloren zu gehen droht (oder schon verloren ist), und vor der Einsicht, dass wir selbst (kollektiv + einzeln) bisher zu wenig getan haben, um diesen Frieden mitzuerhalten. Wir werden mit einem „Halbfrieden“ zu leben haben, der jederzeit bedroht ist, oder besser, mit der Erkenntnis, dass die bisherige lange Friedensphase in der EU alles andere als ein Selbstläufer war und ist, und dass es diesen Frieden nur wegen Menschen gibt, die sich immer wieder dafür eingesetzt haben. Wir selbst werden diesen Frieden mit unserem Einsatz verlängern können, oder er wird nicht sein. Eine stabile EU (mein Wunsch: mit Griechenland, der Wiege unserer westlichen Zivilisation) ist Voraussetzung, aber nicht Garant des Friedens.

Foto: privat / Taube: pixabay.com

Foto: privat / Taube: pixabay.com

… nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt …

Im heutigen Taizé in dieser Weltsituation merken wir auch, was das Wort aus dem Johannesevangelium „Einen Frieden, den euch die Welt nicht geben kann, gebe ich euch“3 an Wahrem enthält: Wir beten nicht nur für diesen Frieden4 – während draußen Waffen getragen werden, die Frieden nicht schaffen, sondern nur Waffenstillstand halbwegs sichern können –, sondern wir leben ihn hier auch. Ein Ort, an dem zwar auch nichts selbstverständlich ist, aber wo sich doch alle bemühen, einsetzen für ein Miteinander, das wirklich von Offenheit, Frieden, Vertrauen geprägt ist. (Wer es nicht glaubt, komme her.) Letztlich werden nicht Waffen, sondern nur dieses Vertrauen, ein Aufeinanderzugehen, ein Nichtausbeuten der Ressourcen anderer Länder, eine auch wirtschaftliche Balance, eine Reduktion westeuropäischer Luxusansprüche, … ein Mehr an weltweitem Frieden bringen können – davon sind wir aber meilenweit entfernt …

Realität und Taizé

Dass die Realität in Taizé angekommen ist, mögen einige gut finden; andere sehen, dass in Taizé die weltweite Realität immer schon Platz hatte im Austausch und Gebet und im sozialen Einsatz der TeilnehmerInnen; für wieder andere geht eine bewaffnete Patrouille in Taizé gar nicht – einen größeren Gegensatz zwischen gelebtem Frieden und präsenter Kriegsmacht kann es kaum geben und er ist aus Friedenssicht kaum/nicht auszuhalten. Die Frage, Wer übernimmt Verantwortung …?5, verdeckt6 nur, dass unser aller Leben sowieso endlich ist und dass der waffenlose Friede von Taizé weit mehr kann und ausstrahlt als jede „Waffensicherheit“.

Taizé, Di, 21.7.2015

Eine weitere Notiz stand ohne weitere Ausführungen auf dem selben Zettel:

„Was ist mein Part? Was kann ich überhaupt dazu7 beitragen?“

Die Beantwortung = praktische Umsetzung dieser Fragen bietet wesentlich mehr Spielraum als ein bloßes Kopfzerbrechen, ob Taizé potentielles Terrorziel sei oder nicht …

PS: Wenn ich in Taizé entscheiden müsste, würde ich ebenfalls das Militär seine Arbeit tun lassen, aber mit der Gewissheit, dass es das völlig falsche Zeichen ist. Das würde ich irgendwie den Jugendlichen, die anreisen, wissen lassen wollen …

* * *

1 Zumindest nicht primär.
2 Das drückt unausdrücklich das Urvertrauen in das Leben aus.
3 vgl. Joh 14,27
4 in unseren Herzen, in unserem Miteinander und für die Welt
5 … nämlich wenn doch etwas passieren sollte, und wenn zudem vorher dem Militär der Zutritt zu Taizé verweigert worden wäre …
6 (immer, nicht nur in Bezug auf Taizé)
7 gemeint ist: zum Frieden

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