Angst und Erwartung

Vergeht noch ein Tag, an dem Flucht & Asyl kein Thema sind? Ein Wort fasst die Stimmung „im Volk“ zusammen, und mich wunderte das Ergebnis nicht, als ich meinen letzten Blogeintrag in eine Wordcloud verwandelte:

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Ein Wort, sie alle zu knechten … Nicht der Krieg in Syrien (oder Afghanistan oder sonstwo) macht vielen Angst, sondern die Folgen: rund 90.000 Asylanträge im Jahr 2015. Statt „Wir schaffen das!“ (Merkel) meist „Wie schaffen wir das???“ oder „Wir schaffen das nicht!!!“(meist in derberer Form) Dass für 2016 mit noch mehr AsylwerberInnen gerechnet wird, wird die bei zu vielen schon existierende verängstigte Stimmung nicht bessern.

„Evolutionsgeschichtlich hat die Angst eine wichtige Funktion als ein die Sinne schärfender Schutzmechanismus, der in tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Gefahrensituationen ein angemessenes Verhalten (etwa Flucht) einleitet.“ (Wikipedia) Pervers, oder? Nämlich dass wir vor denen, die aus realer Angst um ihr Leben fliehen, Angst haben.

In der Zwischenzeit ist „Köln, Silvester 2015“ passiert. Eine Katastrophe in vielerlei Hinsicht. Leider auch für die Stimmung im Volk. In der Zwischenzeit fürchten manche (zurecht? jedenfalls real mögliche!) Anschläge auch bei uns. Bedrohungen verlangen nach Schutz, Lösungen, Konsequenz. Der Staat ist gefordert.

Sind wir es nicht? Angst haben mittlerweile auch viele Flüchtlinge. Vor Anschlägen auch bei uns. Und zurecht vor kriminellen „Inländern“: Die Kriminalität gegen Flüchtlinge ist (Bsp. Deutschland) um das 4-fache gestiegen … Die offenen Kundgebungen und Meinungsäußerungen gegen Flüchtlinge haben stark zugenommen; Fremdenfeindlichkeit ist straßenbahntauglich geworden. Pfefferspray ist seit Wochen ausverkauft, Bürgerwehren formieren sich. (Zu einer politischen Folge will ich in naher Zukunft bloggen …)

Die Gesellschaft, in der wir leben wollen?

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Vom Evangelium vom letzten Sonntag ist mir der Beginn nahegegangen: „Das Volk war voll Erwartung …“ (Lk 3,15) Wann kann man das wieder bei uns sagen? „Das Volk war voll Angst …“, trifft es derzeit besser. Die meisten Politiker tun alles, diese Angst zu verstärken und uns den Eindruck zu vermitteln, die Lage sei außer Kontrolle – bei ihnen.

Gruppen kennen das Gefühl der kollektiven Erwartung: z.B. Konzertbesucher/innen oder Menschen im Fußballstadion bei einem Heimspiel kurz vor Beginn der jeweiligen Show. Innerdiözesan (Diözese Linz) spüre ich derzeit, wie Mitarbeiter/innen „voll Erwartung sind“, weil wir einen neuen Bischof (Manfred Scheuer) bekommen. Gerade zurück von dessen Amtseinführung, kann ich diese Ahnung (der letzten Tage) nur bestätigen. Alleine die Kälte im Dom und danach draußen bei der Agape verhinderte ein noch „wärmeres Willkommensfeeling“.

Angst lässt Menschen sich verkriechen – oder aggressiv werden. Angst hemmt. Angst lässt keine Zukunft zu. Will das jemand? Ängste ernstnehmen, das heißt auch, Folgen der Angst klar aufzuzeigen, Menschen Möglichkeiten zu geben, ihre Ängste abzubauen und selbst dazu beizutragen, dass Leben ohne Angst vor dem Fremden (wieder) möglich ist. Eine riesige Aufgabe, Herausforderung!

Erwartung geht nie nur auf das/den Erwartete/n hin, sondern verwandelt auch die, die jemanden/etwas erwarten. Erwartung als Motivationsschub. Erwartung als Hoffnung, dass es vorwärts geht, dass Dinge angepackt werden. Und dass man selbst mitgehen kann, dass man selbst mitanpacken kann. Beides braucht die Diözese. Beides bräuchte das Land.

Können wir unserer Gesellschaft wieder Hoffnung, Erwartung geben? Oder überlassen wir der Angst den Spielraum, den sie braucht, um Zukunft und Hoffnung zu zerstören?

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