„Ich bin, der ich bin“

Zur revidierten Einheitsübersetzung, Teil 1:
Warum ich die neue Übersetzung von Ex 3,14 für sehr gelungen halte

Abgesehen davon, dass auch ich z. T. ein Gewohnheitstier bin und mich an die Formulierung „Ich bin der »Ich-bin-da«“ gewöhnt und sie sogar geschätzt habe, gibt es für mich drei Gründe, die deutlich für die neue Übersetzung der Selbstoffenbarung Gottes in Ex 3,14 sprechen:

1. „Ich bin, der ich bin“ entspricht mehr dem hebräischen Urtext. Den futuristischen Ton, der im Hebräischen mitschwingt, beachtend, könnte es heißen (und übersetzen manche): „Ich werde sein, der ich sein werde“ (oder: „… der sein, als der ich mich erweisen werde“).1 Das „da“, das Da-Sein ausdrückt, steht jedenfalls nicht im Text. (Eindeutige Positionierung von mir: Ich stehe hinter der Übersetzungstendenz der revidierten Einheitsübersetzung, die versucht, dem biblischen Urtext wieder gerechter zu werden.2)

Foto: jarmoluk / pixabay.com (CC0 Creative Commons)

2. Die neue Übersetzung lädt ein, das eigene Gottesbild zu hinterfragen. Für viele Menschen ist Gott ein Wesen, das nicht als „da“ erfahren wird, sondern einfach „ist“. Der ferne, unnahbare oder der einfach nur „seiende“ Gott ist in vielen Köpfen präsent. Gerade für diese Menschen ist die neue Übersetzung Balsam. Außerdem: Alle Bilder von Gott sind unzureichend, v.a. wenn wir sie verabsolutieren, einzementieren. Das Vierte Laterankonzil (1215) hat die sog. „analoge Rede“ von Gott so formuliert: „Zwischen Schöpfer und Geschöpf lässt sich keine so große Ähnlichkeit feststellen, dass zwischen ihnen nicht
noch eine größere Unähnlichkeit festzustellen wäre.“ Ohne Analogie können wir zwar von Gott nicht sprechen; sie ermöglicht alles Reden von Gott und wahrt gleichzeitig Gottes
Transzendenz – wenn uns aber bewusst ist, dass Gott immer „mehr“, „größer“, „weiter“ ist als alle unsere Vorstellungen von ihm. „Ich bin, der ich bin“ weist stark in diese Richtung und relativiert unsere menschlichen Bilder von Gott: (paraphrasiert) „Ich bin, der ich bin, und nicht der, als den ihr mich am liebsten sehen wollt (z.B. alter Greis auf den Wolken)“. – Gleichzeitig bedeutet diese Übersetzung nicht, dass das Dasein Gottes, das Mit-uns-Sein Gottes auf unserem Weg damit aus der Bibel (manche unterstellen: absichtlich) gestrichen wurde. Zwei Verse davor heißt es: „Er (= Gott) aber sagte: Ich bin mit dir (= Mose)“, und zwei Verse danach wird schon wieder die Empathie Gottes erwähnt; das Matthäusevangelium endet in der neuen Übersetzung sogar „gottnäher“ als bisher mit „Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20)

3. Herausforderungen sind willkommen! Eine Folge der wörtlicheren Übersetzung: Der Text erschließt sich nicht so leicht, es „flutscht“ nicht mehr so. Das sehe ich als große Chance, darüber ins Gespräch zu kommen, gerade bei Bibeltexten wie Ex 3, die so bekannt sind bei vielen ChristInnen, dass nicht mehr genau hingehört/gelesen wird. Und wenn sich jemand daran stößt, ist das die beste Gelegenheit, „pädagogisch“ (erklärend) über die Bibel und darüber hinaus ins Gespräch zu kommen.

* * *

Fußnoten
1 Die Interlinearübersetzung, die Wort für Wort möglichst wörtlich zu übersetzen versucht, gibt es – von rechts nach links zu lesen! – so wieder: „!will-sein-ich der ,sein-will-Ich“ (also: „Ich-will-sein, der ich-sein-will!“).
2 Ich bin mir bewusst, dass es keinen „Urtext an sich“ gibt. Wenn ich „Urtext“ verwende, meine ich diejenige Textvariante in der ursprünglichen Sprache der Bibel (des jeweiligen biblischen Buches), auf welche die Übersetzung zurückgreift.

 

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