Die Trauer neben der Hoffnung stehen lassen

Manchmal braucht es keine großen eigenen Gedanken, wenn andere Menschen gute Texte schreiben …

Predigt Pfarrfriedhof Marchtrenk, Allerheiligen 2022
(mit Bezug zur Lesung: 1 Thess 4,13–18)

Foto: privat

Geschätzte trauernde Angehörige, Schwestern und Brüder im Glauben!

Sie alle, die Sie heute hierhergekommen sind, verbindet eine gemeinsame schwere Erfahrung: Die Trauer um einen oder mehrere geliebte Menschen, die verstorben sind und hier am Pfarrfriedhof begraben sind, ihre letzte irdische Ruhestätte gefunden haben. Trauer und Abschied verbinden uns heute.
Trauer und Abschied sind keine spontanen, kurzfristigen Zustände, sondern jeweils ein länger andauernder Prozess, ein Weg – man sagt auch „Trauerweg“ –; ein Weg, den wir alle gehen müssen, und je älter wir werden, desto öfter haben wir diesen Weg zu gehen, Abschied zu nehmen; und die Trauer kommt bei jedem Menschen, der vor uns stirbt, wieder.

Vielleicht haben Sie das „Grüß Gott!“-Magazin, das im Oktober an alle Haushalte in OÖ ergangen ist, in Händen gehalten und darin geblättert. Und vielleicht haben Sie auch den Artikel über den Weg des Abschieds bemerkt und vielleicht sogar gelesen. Brigitte Krautgartner, die ihren Partner an das „Krebsmonster“ – wie sie es nennt – verloren hat, schreibt dort über ihren eigenen Trauerweg, über den Abschiedsprozess, den sie erlebt hat, ab dem Moment, als ihr Partner mit der Diagnose Krebs konfrontiert wurde.1

„Trauer ist der Preis, den wir dafür bezahlen, lieben zu können“, schreibt sie. Trauer ist der Preis für die Liebe, dafür, dass wir Beziehungen aufbauen, vertiefen, oft jahre- und sogar jahrzehntelang.
Wenn Sie heute hier sind, so ist das ein Zeichen, dass Sie geliebt haben. Dass Sie Beziehungen gelebt und gepflegt haben zu einem nahestehenden Menschen. Dass Ihnen dieser Mensch wichtig, sehr wichtig war. Und v.a.: Immer noch ist!
Dadurch, dass Sie heute hier sind, zeigen Sie Verbundenheit und Liebe über den Tod hinaus.

Krautgartner schreibt auch, dass „Abschied nicht erst mit dem letzten Atemzug oder am Grab beginnt“. Das stimmt für viele – wenn der Tod absehbar ist. Wenn wir wussten, dass die 95-jährige Oma nicht mehr ewig unter uns weilen würde. Wenn wir wissen, dass jemand schwer krank ist und die Ärzte können nichts mehr tun.
Wenn aber – bei einem Schicksalsfall – der Tod überraschend gekommen ist, dann beginnt erst danach der Abschied. Der Abschied, aber auch der Schmerz und die Trauer.

Krautgartner schreibt davon, was ihr geholfen hat. Es sind lesenswerte Gedanken, die hilfreich sein können. (Das „Grüß Gott!“-Magazin ist übrigens auch online nachzulesen.2)
Sie schreibt auch von dunklen Momenten: „Ich will nichts beschönigen. Ja, es gibt sie, die ganz dunklen Zeiten. Wut, Angst, Schmerz, Hoffnungslosigkeit. Da gibt es nichts anderes, als durch sie [also durch Wut, Angst, Schmerz, Hoffnungslosigkeit] hindurchzugehen wie durch eine Landschaft.“
Manche von Ihnen werden leider sicher ähnliche dunkle Zeiten hinter sich haben, diesen Zustand auch kennen. Vielleicht auch ganz aktuell.

Der christliche Glaube fügt – zum bloßen Hindurchgehen – noch eines, etwas Wertvolles, hinzu: die Hoffnung.
Paulus schreibt an die ersten Christinnen und Christen in der griechischen Stadt Thessaloniki: „Schwestern und Brüder, wir wollen euch über die Verstorbenen nicht in Unkenntnis lassen, damit ihr nicht trauert wie die anderen, die keine Hoffnung haben.“
Paulus sagt nicht, ihr dürft nicht trauern. Glaubende trauern genauso.
Sondern er schreibt, „damit ihr nicht trauert wie die, die keine Hoffnung haben“. Paulus war nicht dumm, er wusste, dass Menschen trauern, wenn ein geliebter Mensch stirbt, auch wenn sie glauben.
Die Hoffnung kommt zur Trauer hinzu. Selbst wenn wir ganz stark an die Auferstehung glauben, ist es gut für uns, die Trauer neben der Hoffnung stehen zu lassen.

Foto: privat

Was ist aber unsere Hoffnung? Unsere Hoffnung ist: Begegnung mit Gott.
In den Worten des Apostels Paulus:
„Jesus Christus selbst wird vom Himmel herabkommen, wenn der Befehl ergeht, der Erzengel ruft und die Posaune Gottes erschallt. Zuerst werden die in Christus Verstorbenen auferstehen; dann werden wir, die Lebenden, die noch übrig sind, zugleich mit ihnen auf den Wolken in die Luft entrückt zur Begegnung mit dem Herrn. Dann werden wir immer beim Herrn sein.“
Wir können trennen zwischen den Bildern und dem Kern der Aussage: Die Wolken und die Posaunen sind Bilder, Bilder menschlicher Vorstellungskraft. Die Begegnung mit Gott ist der tröstliche Kern unseres Glaubens.3 Wie auch immer diese Begegnung aussehen wird. „Dann“, so schreibt Paulus“, werden wir immer bei Gott sein.“

Heute, am Friedhof, teilen wir diese Hoffnung. Der Friedhof ist ein besonderer Ort, ein Ort des gemeinsamen Gedenkens. „Die Blumen, die Lichter, die Prozessionen, die Gebete, die Musik führen uns in das tiefe Geheimnis des gemeinsamen Lebens [(lat. con vivere)], hin zu den Lieben, die vorausgegangen sind und doch ganz zu unserem Leben gehören.“4 So Ferdinand Kaineder, Präsident der Kath. Aktion Österreichs (KAÖ), in seinen Gedanken zu Allerheiligen und Allerseelen.
Ich wiederhole: „Die Blumen, die Lichter, die Prozessionen, die Gebete, die Musik führen uns in das tiefe Geheimnis des gemeinsamen Lebens, hin zu den Lieben, die vorausgegangen sind und doch ganz zu unserem Leben gehören.“
Mögen wir dieses tiefe Geheimnis des gemeinsamen Lebens erfahren, spüren und heute auch feiern. Amen.


1 Brigitte Krautgartner, Grüne Auen im finsteren Tal, in: Grüß Gott! Das Magazin über Gott und die Welt, Herbst 2022, 64–67
2 https://www.yumpu.com/kiosk/dioezese-linz
3 Begründet in den Begegnungen der Frauen und Männer mit dem Auferstandenen, dem auferweckten Jesus Christus.
4 https://www.kaineder.at/wordpress/allerheiligen-liebe-sprengt-die-logik-des-marktdenkens/ (Da Predigten m.E. auch ein klares Ende haben sollen, war leider nicht mehr ausreichend Raum, auf die tiefergehenden Ausführungen von Ferdinand Kaineder näher einzugehen. Am besten selber nachlesen.)

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