Pfarrliche Systeme in Veränderung

Seit meinem letzten Blogeintrag ist viel passiert: Osama bin Laden ist ermordet worden, Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn hat „Männlichkeit“ falsch verstanden, und die Alles-Gemüse-ist-schlecht-Epidemie (kurz EHEC) hat uns im Griff, … Jetzt bin ich wieder da. Aber Achtung! Wer über bin Laden oder EHEC informiert werden und innerkirchliches Insiderwissen/-gedankengut nicht lesen möchte, bitte weitersurfen. Hier ist kein Platz für Gemüsehass.

Letztens am Basketballplatz … Alleine Körbe geworfen. Getroffen. Ein gutes Bild: Wir sollten innerkirchlich nicht länger Löcher stopfen, sondern Körbe treffen

Über Tabubrüche und Präsenz, das derzeitige Pfarrsystem und zeitliche Überforderung, Haupt- und Ehrenamt und über mögliche, nicht überfordernde (systemische) Wege in die Zukunft der Kirche vor Ort

12. Mai, Puchberg bei Wels. Das Tabu ist gebrochen. Am Mitarbeitertag von Pastorale Berufe wurde unter dem diözesanen Arbeits-Stichwort „Kirche im Territorium“ von den Personalverantwortlichen erstmals eingeräumt, dass in Ausnahmefällen Pfarren in der Diözese Linz zusammengelegt werden könnten, falls die Pfarren dies wünschten. (Am selben Tag stand im „Standard“, dass in Oberösterreich an Pfarrzusammenlegungen nicht gedacht werde.) Zum Hintergrund: In der Diözese Linz war die Phrase „Die Pfarren sollen leben“ als Prämisse seit Jahren strategisch verankert. Das Tabu ist gebrochen. Und egal, wie man zu Pfarrzusammenlegungen, Pfarrverbänden, Megapfarren, oder wie auch immer wir es nennen wollen, stehen mag (eine Bewertung soll hier nicht Thema sein), und egal, wie ausnahmsweise Pfarrzusammenlegungen in der Diözese Linz angedacht sind, Fakt ist, und das wissen wir aus vielen Beispielen: wenn ein Tabu gebrochen ist, ist ein Tabu gebrochen, wenn ein Damm gebrochen ist, ist ein Damm gebrochen, und die Richtung, in die es geht, ist meistens determiniert. Einen Tabubruch rückgängig zu machen ist unmöglich.

Was mich absolut erstaunt hat, war, dass in der anschließenden Diskussion in der Berufsgruppe der PastoralassistentInnen niemand auf diesen Tabubruch eingegangen ist und alle sich auf das Folgethema „überpfarrliche Zusammenarbeit“ gestürzt haben, wobei mehr oder weniger gelungene Beispiele von Zusammenarbeit angeführt wurden bzw. Zusammenarbeit unter KollegInnen v.a. als Zusatzbelastung und Zeitproblem angesehen wurde. „Ich möchte nahe, angreifbar bei den Menschen sein und nicht meine kostbare Zeit in einer zweiten Pfarre aufbrauchen“, war eine öfters auftretende Meinung.

Ich selbst habe mich zugegebenermaßen nicht eingebracht, einerseits, weil ich in überpfarrlicher Zusammenarbeit wenig Erfahrung habe, andererseits, weil ich die Zusammenhänge, die sich mir im Nachhinein aufgetan haben, vor Ort nicht im Kopf hatte. Und, weil ich in Großgruppen selten meine Stimme erhebe. Schwäche von mir.

Tatsache ist der Priestermangel. (Den wir jetzt so richtig zu spüren beginnen; Löcher werden gestopft und immer mehr „Löcher“ bleiben offen, Pfarren unbesetzt, …) Tatsache ist der finanzielle Einschnitt, den die Diözese Linz in Zukunft machen wird müssen. Und auch beim Personal machen wird. Beide Tatsachen zusammen führen unweigerlich zu Konsequenzen, die die Pfarren spüren werden. Egal, ob Pfarren zusammengelegt werden oder nicht. Es ist (aus Sicht der Personalverantwortlichen) egal, ob einE PastoralassistentIn in zwei kleinen/normalgroßen Pfarren zum Einsatz kommt, oder in einer doppelt so großen Pfarre, die aus zwei Pfarren zusammengelegt wurde. Beides wird vermutlich der Fall sein. Die Arbeit in einer überschaubaren (!) Pfarre allein wird irgendwann Vergangenheit sein.

Heute denke ich, dass die Frage nach Pfarrzusammenlegungen – wenn sie abgekapselt wird von anderen Fragestellungen – fatal ist. Es ist eine überpfarrliche Systemfrage. Sie wird letztlich „von oben“ entschieden. (Schon von einer Arbeitsgruppe, aber nicht von der Pfarrbasis her.) Der Tabubruch wird uns angetan. Aus heutiger Sicht werden damit Löcher gestopft.

Genauso fatal ist die Abkopplung der Frage nach dem innerpfarrlichen System: Wie leben/sind wir Pfarrgemeinde? Diese Frage wird meist nur von unten, von der Basis gestellt. Von der Pfarren, den Menschen in den jeweiligen Pfarren, und von den Hauptamtlichen in den Pfarren (Pfarrer, Diakone, Pastis, …). Die Frage läuft oft auf die idyllische Antwort hinaus: Unsere Pfarre ist eine lebendige Pfarre, in der möglichst viel geschieht, geschehen soll, und möglichst immer besser geschehen soll. Wenn Pfarren „absterben“, wird das umso mehr als tragisch empfunden, weil das Quantitätsprinzip vor dem Pfarrleben nicht Halt gemacht hat: Wie viele Jugendliche sprechen wir an? Wie viele Menschen gehen am Sonntag in den Gottesdienst? Wie viele Gruppen gibt es bei uns? Wie viele MitarbeiterInnen haben wir? Wie viele Arbeitsstunden leisten diese ehrenamtlich? Wie viel Geld bringen diese durch ihre ehrenamtliche Arbeit in die Kirchenrechnung? – „Absterbende Pfarren“, Pfarren, die überaltern, die Schwierigkeiten haben, neue MitarbeiterInnen zu finden, müssen fast in Depression versinken angesichts der üblichen Frage nach der Lebendigkeit (Quantität) des Pfarrlebens.

Als Hauptamtlicher in einer Pfarre bin ich (bei einer negativen Betrachtungsweise) den Spannungen beider Ebenen (ganz grob: Diözese, Pfarre) ausgesetzt bzw. (bei einer positiven) Brückenbauer zwischen den Vorstellungen, die „von oben“ und „von unten“ kommen. Zerrieben werden oder gestalten.

Zerrieben werden: Überforderung. Ein Stichwort, das mich nun schon seit Wochen begleitet. Wir bewegen uns in einer lebendigen Pfarre stets am schmalen Grat zwischen Lebendigkeit (Wie viel?) und Zuviel. Vieles verteilt sich auf wenige, denen es manchmal zu viel wird, denen es zumindest immer wieder zu viel zu werden droht. Wir überfordern unsere Ehrenamtlichen. (Und als Hauptamtliche haben wir sowieso immer zu viel zu tun.) Wenn meine Gedanken bei diesem Punkt stehenbleiben, wird mir übel. Wie kann es, nein, wie darf es sein, dass die Kirche, die Vorbildgemeinschaft sein sollte, immer auch ein Stück weit außer-weltlich/gesellschaftskritisch, in einer Gesellschaft, die viele Menschen durch Überforderung (v.a. im Berufsleben) knechtet, dass also die Kirche (zwar immer wieder dagegen predigt, aber) selbst Menschen, die sich freiwillig (oder bezahlt) in ihr engagieren, durch ihr Pfarrsystem noch zusätzlich knechtet? (Ja, ich verwende bewusst das Wort „knechtet“.) Die postulierte Lebendigkeit wird zum Totengräber derer, die sie postulieren. Anders formuliert: Menschen, die sich darüber freuen, dass sich in der Pfarre etwas tut, und gerne mitarbeiten, kommen durch ihr Tun an die Grenzen ihrer Zeitressourcen und Energien. Eingeräumt: Es darf auch sein, dass Menschen freiwillig sehr viel leisten und dabei durch’s Ausloten ihrer Grenzen viel über sich und für sich lernen. Aber ich finde es bedenklich, wenn dieses An-die-Grenzen-Kommen systemimmanentes Verhalten ist, weil es dem Pfarrsystem förderlich ist, es erwünscht ist; bedenklich, weil es viel zu oft auftritt.

Ähnlich stehen Hauptamtliche vor dem Dilemma, immer zu wenig zu tun, weil es immer etwas gibt, das sie (noch) nicht (ausreichend) tun bzw. wo man sie brauchen könnte. Das tangiert auch die Frage nach der Präsenz, eine weitere Frage, die mich jetzt schon länger begleitet: Wo, bei welchen Veranstaltungen, Treffen, … braucht es die Anwesenheit eines Pfarrers (/ eines Pastoralassistentin / …) bzw. wie soll diese Anwesenheit gestaltet sein? Ich kann auf diese Frage jetzt nicht näher eingehen, aber sie ist eine nicht unwichtige, weil sie mit der Möglichkeit der Überforderung zusammenhängt: Wenn jemand überall präsent sein will/soll, ist er/sie schnell zeitlich überfordert. Kommt eine zweite oder sogar dritte (lebendige!) Pfarre dazu, wirken diese Kräfte nicht nur an einem Ort auf die Hauptamtlichen ein. Die Folgen sind vorstellbar. (Burnoutfälle nehmen auch in unseren Berufsgruppen zu.) – Soweit zum Zerriebenwerden.

Das Gestalten seiner eigenen Rolle im Beziehungsgeflecht einer Pfarrgemeinde bietet m.E. einen möglichen Ausweg aus den angedeuteten Schwierigkeiten innerkirchlicher Vorstellungen von Pfarren (zusammenlegen? lebendiger machen?). (Das Folgende sind Überlegungen aus dem Auwiesener Pfarrer-Pastoralassistenten-Büro, die nicht neu sind, aber für viele noch ungewohnt.)

Eine Gegenüberstellung zweier Skizzen, wie Pfarren gedacht/geplant sind und wie es sein könnte, sollte dafür aufschlussreich sein. Derzeit vorherrschendes Pfarrsystem:

Stichworte:

  • Hierarchiedenken (und fördert es)
  • Pfarrer (Priester) als Allmachtsfigur
  • Pfarrer als Dreh- und Angelpunkt der Pfarrgemeinde
  • Volkskirche
  • Versorgungsmentalität
  • System überfordert den Pfarrer, der gibt Überforderung weiter
  • „alles da-da-da“ à Druck, Kritik, Nörgelei (wenn etwas nicht so passt)

Angedachtes „Pfarr“system, auch jetzt schon für Pfarren mit Pfarrer geeignet:

Stichworte:

  • ChristInnen bilden untereinander/miteinander Gemeinde
  • ChristInnen sind gegenseitig/füreinander SeelsorgerInnen – wenn nötig, ist ein(e) beruflich qualifizierte(r) Seelsorger(in) zur Stelle
  • gemacht wird, was Freude macht und zeitlich nicht überfordert
  • „auf Augenhöhe“ (Haupt- und Ehrenamtliche)
  • Gott in Jesus Christus als Dreh- und Angelpunkt der Pfarrgemeinde
  • etwas absterben lassen
  • es kann Pfarren geben; (nur-)Gemeinden ohne Pfarrstatus; mehrere Gemeinden, die gemeinsam eine Pfarre bilden; Gemeinden mit/ohne PGR, mit/ohne Jungschar, mit/ohne …
  • Leben und Glaube können wieder in den Vordergrund treten und zur Sprache kommen, (haupt-/ehrenamtliche) „Arbeit“ tritt in den Hintergrund
  • Hauptamtliche werden wieder theologisch gebraucht, zur Reflexion des Lebens mit dem Blick des reflektierten Glaubens
  • auf Dauer entspricht das dem Abschied vom klassischen Pfarrer; neue, ausdifferenzierte Aufgaben/Rollen werden (wirklich langfristig) entstehen: Priesterin, Prediger, Heilerin, spiritueller Begleiter, Diakonin, Pfarrorganisationsteam usw.
  • Kirche als religiöse Dienstleisterin in Lebensübergängen (Sakramente & Co.) – und Kirche vor Ort in erster Linie als Oase zum Auftanken; Gemeinde als zeichenhafte Vorbildgemeinschaft, wie gemeinsam Leben gemeistert werden kann

Wir bräuchten keine Pfarrzusammenlegungen, weil mehrere Christen-Gemeinden in Nachbarschaft gemeinsam entscheiden, welche Formen sie wählen, an welchen Orten Priester (Liturgen) nötig sind, wo weitere Hauptamtliche tätig sind, und wofür sie wirklich gebraucht werden mit ihren Kompetenzen; und die Diözese gibt Freiheit in der Gestaltung und Geld für Personal nach Möglichkeiten – wobei es m.E. unverantwortbar sein wird, neue kostspielige Pfarrzentren zu finanzieren, die für beide Seiten (Diözese und Pfarren) eigentlich unleistbar sind (Bau und Instandhaltung) und v.a. auf Kosten des Personals gehen. (Seitenhieb auf Kirchenbeitragsverwendung abgeschlossen.)

Die klassische Pfarre ist ein Auslaufmodell. Gemeinden werden bunt sein. Und sie werden Oasen des Lebens sein.

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Eine Antwort zu “Pfarrliche Systeme in Veränderung

  1. Sehr sehr gute Gedanken lieber Rainer. Mir fehlt die Lust hier jetzt eine ausführliche Diskussion zu beginnen, aber vielleicht taucht das Thema ja im August wieder auf.
    Freu mich schon riesig, Sara

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