Der 19. April, Breivik, Gusen und – ein neuer Job?!

Eine intensive Zeit liegt hinter mir. Wochen, in denen es um Veränderung gegangen ist, aber einmal nicht außerhalb von mir, sondern bei mir selbst. „Du redest so oft von Veränderung, warum veränderst du bei dir selbst nichts?“, diese Frage liegt mir noch im Ohr. Nun, es ist soweit. Es wird sich etwas ändern, es hat sich etwas geändert. Gedanken dazu gehören geschrieben.

Die Karwoche 2012 (Anfang April) brachte nach einigem Nachdenken eine Entscheidung: Ich bewerbe mich für die ausgeschriebene Stelle der Ausbildungsbegleitung der Theologiestudierenden in Linz, mit spirituellem Schwerpunkt. Gedacht, getan. Dann kam die Nachricht: Hearing am 19. April. Muss das sein? Am 19. April? – Ich finde Aufzeichnungen, was ich damals geschrieben habe, über den 19. und 20. April:

19. April.
Heute wird es ernst. Der Tag, oder besser, meine Gedanken an diesem Tag sind dominiert von dem Hearing am Nachmittag. Am Vormittag gehe ich meine Vorbereitungen noch einmal durch, am frühen Nachmittag versuche ich, mich mental darauf vorzubereiten/einzustellen. Es gelingt, ich bin nicht so nervös wie ich es mir vorgestellt hatte.
Allerdings ist mein Hals trocken, bei der Vorstellrunde vertrocknet meine Stimme beinahe.
Nachher ist es besser, ich kann meine Gedanken lockerer vortragen und fühle mich zunehmend sicherer. Die Stimme hält.
Nach dem Hearing geht es gleich weiter, mit dem Taxi in die Pfarre, nach Marcel Callo. Kurz umziehen, dann sind meine Gedanken und mein Handeln ganz bei der Sache, bei einer anderen Sache: dem Gedenkgottesdienst zum 25-jährigen Seligsprechungsjubiläum von Marcel Callo, an seinem Gedenktag, dem 19. April. Den Tag hindurch ist mir immer wieder Marcel untergekommen. Der Festgottesdienst mit Bischof Maximilian ist berührend: schlicht und doch feierlich, feierlich und doch von einer gedämpften Stimmung begleitet: vom Grauen der Nazi-Zeit, insbesondere der „Hölle von Gusen“, in der Marcel zugrunde gegangen ist.
Ich fahre bald heim, lasse das gemütliche Beisammensein im Pfarrcafé zurück, der Tag war mir zuviel. Unter anderen Umständen wäre mir viel daran gelegen, dazubleiben. Heute will ich nur mehr ins Bett.
Esse noch was und kann dann nicht einschlafen, obwohl ich unendlich müde bin. Die Gedanken ans Hearing tauchen wieder auf. Sitze mich vor den Fernseher, wo ich nach einer Stunde einschlafe.
Gedankensplitter, die mich heute und in den letzten Tagen begleitet haben:
* Anders Behring Breivik – seit Prozessbeginn lässt er mich nicht los. Ich bin Baujahr 1981, er wurde 1979 geboren. Wir sind in der selben Zeit am selben Kontinent in ähnlichen demokratischen Staaten aufgewachsen. Wir sind beide junge erwachsene Männer, beide leicht bärtig, sehen beide „smart“ aus. – Mir wird (wieder einmal) bewusst, dass das Leben in einer multikulturellen Gesellschaft, die er so ablehnt, ja hasst, von denen, die gerne in ihr leben, mehr als das Nutznießen erfordert. Es erfordert ein Aufstehen und Eintreten für die Werte von Freiheit, Gleichheit, Demokratie, Menschlichkeit, bei jeder Gelegenheit. Das Dahinleben und Ignorieren der radikalen Strömungen wird uns wieder dorthin bringen, wo meine Großeltern und deren Generation waren: zu einem System, das letzlich alle zerstört, Täter, Mitläufer wie Opfer.
* Bin ich mit 30 zu jung für die Ausbildungsbegleitung mit spirituellem Schwerpunkt? (Eine Frage, die öfters in mir auftaucht.) Vielleicht. Doch andere leiten mit 30 ihre eigene Firma. Marcel Callo wusste mit 23 schon genau, wie er zu leben hatte und wie er andere Menschen stärken konnte, begleiten konnte im KZ.

20. April.
In der Früh denke ich gleich ans gestrige Hearing. Man (ich) will wissen, wie man sich geschlagen hat, man rechnet sich aus, welche Chancen man hat, ich sehe Bilder von gestern vor mir, v.a. Studierende mit ihren Fragen, ihrem Auftreten. Ich würde sie gerne begleiten.
In den Morgennachrichten höre ich, dass jeder 7. US-Amerikaner auf Lebensmittelmarken des Staates angewiesen ist. Wie ist das vereinbar mit einem Staat, der so von sich selbst überzeugt ist, der glaubt, der beste zu sein??? Die Italiener fallen mir wieder ein, die gestern in den Nachrichten waren – italienische Firmeneigentümer, von denen sich derzeit viele das Leben nehmen, weil sie nicht mehr weiterwissen. Gleichzeitig machten 2011 die großen Ölkonzerne gigantische Gewinne. Das Leben ist für viele Europäer fragil geworden, für einen kleiner werdenden Prozentsatz der Bevölkerung weiterhin lukrativ und (finanziell) einfach.
Ich habe mich selbst damit versöhnt, dass ich nie viel verdienen werde. Wenn es zum Überleben und sogar zum Leben reicht, dann soll es gut sein.

* Noch einmal Breivik: Dass er ein Jahr lang „World of Warcraft“ online gespielt hat „als Vorbereitung“, macht mich doch ein wenig unruhig. Ich weiß von vielen männlichen Jugendlichen, dass sie den PC und dieses oder ähnliche Spiele zum Abschalten verwenden, zum Abtauchen aus einer Welt, in der sie vielleicht gemobbt werden, vielleicht wenige Freunde haben, vielleicht keine Lust auf Freizeitalternativen verspüren. Das Leben in einer Gesellschaft, in der der Druck zunimmt auf jede(n) Einzelne(n), führt zu einer ungeheuren neuen Biedermeierlichkeit (Sich-Zurückziehen als höchstes Gut).

Tage (und ein Viertelmarathon) sind vergangen, die Themen sind die gleichen geblieben.

28. April. Firmwochenende mit 13 Jugendlichen der Pfarre. Wir machen uns auf den Weg nach Gusen. Führung durch die Gedenkstätte beim ehem. KZ Gusen. (KZ Gusen? Wer weiß schon, dass das KZ Mauthausen mehrere Nebenlager hatte, wobei die Lager Gusen I und Gusen II zusammen größer waren als Mauthausen? So nahe, so unbekannt.) Beeindruckt war ich vom Audioweg. Mit I-Pod und Kopfhörer durch die Straßen des Wohngebietes, vorbei an ehem. Lagergebäuden, die noch stehen und umverwendet wurden, dann durch die Frühlingslandschaft Richtung St.Georgen a.d. Gusen.

Die Stimme im Ohr – sensationell. Weiblich, rauh und sanft zugleich, zwischen betörend und distanziert, und doch einen ganz subjektiv hineinnehmend in’s interviewhaft aufgearbeitete Geschehen. Stimme und Inhalt verschmelzen zu einer Einheit – die Macher des Audioweges haben gut ausgewählt und insgesamt großartige Arbeit geleistet. Die (von den Interviewten selbst) aufgeworfenen Fragen – simpel bis hoch philosophisch: Speichert der Boden der Umgebung die Erinnerung, das Geschehene?

Am meisten beeindruckt hat mich der Umstand, dass nicht gewertet wird. Nicht mit der moralischen Keule geschwungen wird. Die Verarbeitung des Geschehens bis heute ist so wie das Erleben des Geschehens damals unterschiedlichst – und es wird stehengelassen.

Ich komme zum Gedanken, dass es eine gestufte Intensität der Erinnerung braucht. Niemals vergessen! Aber jede(r) darf seine/ihre eigene Art des Erinnerns wählen. Es braucht unbedingt die, die das Erinnern zu ihrer Lebensaufgabe machen, aber es braucht unbedingt auch viele, die sich zu bestimmten Zeiten erinnern und sich nicht ständig erinnern müssen, weil das Leben heute der ganzen Aufmerksamkeit bedarf. Ein „Rest“ an Hintergrundwissen ist für alle notwendig; zu wissen, wo wir nicht mehr hin wollen, nie mehr hin dürfen.

Die frühlingshafte Landschaft bei St.Georgen ist (wirkt) mir vertraut. Vor zwei Jahren war ich schon einmal hier. Habe mir damals zwei Tage frei genommen, weil ich eine Auszeit brauchte. Spontan fuhr ich nach St.Georgen, weil es der 19. April (!) war, der Gedenktag unseres Pfarrpatrons … Damals wusste ich noch nichts vom Audioweg und kannte das Memorial noch nicht. Ging einfach durch den Ort spazieren und stieß auf den Steinbruch, die Stollenanlage. Zwei Jahre später hat für mich alles nochmals eine ganz andere Bedeutung …

Ein Jugendlicher hat am Schluss gemeint: „Das waren die längsten zwei Stunden meines Lebens.“ Für die Häftlinge vom Lager Gusen II, die in der Stollenanlage „Bergkristall“ arbeiteten, waren es die längsten zwei Monate ihres Lebens, aber zugleich auch ihre letzten beiden; zwei Monate war die durchschnittliche Überlebensdauer.

Trotzdem verstehe ich auch den Jugendlichen; ich würde den Audioweg eher nicht mehr mit Firmlingen gehen.

Auch in den letzten Wochen erlebt: Zwei alte Frauen unterhalten sich vor unserer Haustür. Ich beobachte sie im Innenhof der Hitlerbauten, in denen ich wohne. Sie kommen auf den Krieg zu sprechen. Die armen Kinder in Russland. Am gleichen Abend lese ich in meiner derzeitigen Lektüre, im Roman „Die Entdeckung des Himmels“ (von Harry Mulisch):

Nicht weit vom Zaun spielten Kinder, und irgendwo fuhr jemand Fahrrad, der sicher viel darüber zu erzählen hatte, was sich während der japanischen Besatzung in Indonesien abgespielt hatte, aber nichts von dem wußte, was sich hier zugetragen hatte. (S. 444 in meiner Ausgabe)

Ich habe den Job. Große Freude und auch Erfurcht angesichts der Herausforderung. Im September geht’s los. Auch/Gerade Theologiestudierende haben sich mit der multikulturellen Gesellschaft (die Breivik hasst; die nicht 100%ig funktionieren kann; von der wir nicht mehr wegkommen) auseinanderzusetzen, stehen vor der Aufgabe, „anschlussfähig“ zu sein, fällt mir noch ein, bevor ich endlich zu schreiben aufhöre …

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